Kennt ihr diese Situation, dass man etwas sieht und sich ganz fest eine eigene Meinung dazu bilden will, aber genau das einfach nicht funktioniert? So war es auch beim gestern und vorgestern bei der ARD ausgestrahlten “Der Untergang”. Den Besuch im Kino hatte ich mir aus NS-Überdruss vor noch nicht allzu langer Zeit einfach mal gespart, aber mittlerweile geht es ja wieder und so schaute ich mir die beiden Teile an.
Der Film berührte mich aber aus zunächst nicht ganz greifbaren Gründen überhaupt nicht. Zwar war ich nicht etwa gelangweilt, aber irgendwie erwartet man doch bei solch einem Thema Schrecken, Schock und Ungläubigkeit. Beim Pianisten, der vor kurzem schon kam, stockte mir mehrfach der Atem ob der gezeigten Szenen. Beim Untergang hingegen überhaupt nichts davon und das, obwohl auch dieser zahlreiche brutale Szenen aufgefahren hat.
Wie kommt es nun aber dazu? Ich denke, der Untergang konnte (zumindest bei mir) keine Verbindung zwischen dieser offensichtlichen Brutalität und dem Nationalsozialismus in seiner Gesamtheit schaffen. Die Szenen haben viel eher den Charakter eines Actionfilms, gehen aber in keinster Weise in die Tiefe. Hier explodieren Granaten, viel Staub und Asche fliegt durch die Luft, dort erschießen sich fanatische NS-Anhänger, zu mehr als einer bloß allgemeinen Äußerung wie “Krieg ist die Hölle” führt das aber nicht.
Daneben fehlte es sämtlichen Charakteren (vielleicht bis auf Hitler selbst, aber den kennt man ja mittlerweile fast schon irgendwie) an Profil. Verschiedene Generäle tauchen mal hier mal da auf, tun dies, tun das; des Führers Gefolgschaft ist ungläubig, wagt aber keine Gegenmaßnahmen. Das hat man alles nach einer viertel Stunde verstanden, nur leider zieht es sich durch den gesamten Rest des Films. Es sind zu viele Charaktere als dass einzelne hervortreten können und ich hatte starke Schwierigkeiten zu erfassen, wer nun eigentlich wer sein soll. Auch Traudl Junge ist weder Fisch noch Fleisch. Geht es nun um ihre Betrachtung der Dinge oder nicht? Wer steht im Mittelpunkt, Hitler oder sie? Ist sie nun naiv oder doch kritisch und überhaupt: Wenn sie gefehlt hätte, wäre dann überhaupt irgendetwas anders gewesen? Wird ein Charakter allein durch die entsprechende Besetzung automatisch wichtig oder erst durch eine sinnvolle Integration in die Handlung?
Der schon zum Kinostart geäußerten Kritik der Verharmlosung kann ich mich auch anschließen. Der Fanatismus Hitlers kommt über Bruno Ganz’ Darstellung recht eindeutig (vielleicht sogar zu deutlich) rüber, aber andererseits gibt es Szenen und Charaktere, die (womöglich ungewollt) vermitteln können, dass die ganze Sache ja doch nicht so schlecht gewesen sei. Beispielsweise sagt Hitler an einer Stelle sinngemäß, die westlichen Demokratien seien dekadent. Sie wären den hierarchisch organisierten Völkern des Ostens unterlegen. Es sei nicht nur für Deutschland gewesen. Ein selbstloser Plan zur Rettung des gesamten Westens vor den Kommunisten? In eine ähnliche Richtung geht der Charakter des Albert Speer. Ein Sympathiebolzen in Reinform. Mehr Leute wie er und alles wäre toll und gut verlaufen? Auch der Titel des Films und die Darstellung Hitlers Todes lassen bei mir starke Zweifel daran, dass der Film tatsächlich so objektiv ist, wie ihn der Regisseur haben will. Die Tragik, die dabei aufkommt, scheint mir äußerst fehl am Platze.
Trotz dieser harschen Kritik ein für mich schwierig zu bewertender Film. Um zum Anfang zurückzukehren, eine Meinung konnte ich mir nicht gleich bilden, aber vieles von dem, was mich vielleicht nur unterbewusst gestört hat, findet sich in einem Artikel der Zeit von Wim Wenders himself. Nun habe ich festgestellt, dass ich vor dem Lesen des Artikels keine richtige Meinung zu dem Film hatte, danach eine ziemlich schlechte. Habe ich einfach eine Meinung übernommen? Ist sowas in einer solchen Lage in Ordnung? Wie bildet man sich überhaupt Meinungen? Übernimmt man sie womöglich immer irgendwie und bezeichnet das dann als Bildung einer Meinung, nur um dem Individualismus genüge zu tun? Aber irgendjemand muss doch mal als erster eine Meinung gehabt haben… Dinge, über die ich später nochmal nachdenken muss.
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