Archiv für November 2005

Rieu bei Kerner

Passiert mir selten, aber gestern habe ich mich ziemlich aufgeregt. Da sitzt André Rieu bei Johannes B. Kerner in der Sendung und es wird munter darüber diskutiert wie gut es allen geht und wie man trotzdem noch die Welt ein Stück verbessern könnte. Rieu schlägt vor, man könne ja mal die Gewerkschaften abschaffen, weil wir etwas ganz anderes brauchen: Eine neue Arbeitsphilosophie. Der Chef sollte auch ganz ohne Gewerkschaften immer das Wohl des Arbeiters suchen. Er muss für diesen freiwillig sorgen und das für den Rest des Lebens dieses Arbeiters. Schließlich zieht er als Beispiel ausgerechnet Japan heran, wo das alles ja schon so sei.

In der Runde kommt man zu dem Konsens, dass ja irgendwie zu viel gejammert wird und man als freischaffender Künstler schließlich auch kein Weihnachtsgeld bekäme. Ohne zu bewerten, ob so etwas wie Weihnachtsgeld wirklich nötig ist, ich vermute einige der Gäste dort gestern haben in ihrem Leben noch nichts anderes als Bühne und Kamera gesehen. Wer jeden Tag um 4 aufstehen muss, dann (zu Recht!) mit schlechter Laune in ein Firma geht, wo einen die Arbeit nervlich völlig herunterzieht und einem die Kollegen auf den Sack gehen, der lässt sich nun mal (zu Recht!) nicht auch noch sein Weihnachtsgeld mit freudestrahlender Miene wegnehmen.

Irgendwie kommt Rieu dann noch dazu sein “Unternehmen” (ein Orchester!) mit der aktuellen Regierung zu vergleichen, wo ja bei beidem viel ausgehandelt werden muss und jeder irgendwie zu Recht sein Bestes geben soll und darf. Der Vergleich hinkt hinten und vorne. Schließlich weiß man, dass nur Vergleiche zwischen Regierung und aktueller Leistung der Fußball-Nationalmannschaft legitim sind!

Killerspiele

Endlich sollen diese widerwärtigen Killerspiele verboten werden. Nur was sind eigentlich Killerspiele? Telepolis fragt eine CSU-Abgeordnete.

Union und SPD wollen laut Koalitionsvertrag das Verbot so genannter Killerspielen durchsetzen. Was ist denn unter “Killerspielen” zu verstehen?

Maria Eichborn: Unter Killerspielen verstehen wir Spiele wie Gotcha, Paintball oder Laserdrome. Das sind also Spiele, bei denen die Verletzung oder Tötung von Mitspielern unter Einsatz von Schusswaffen oder nachgebildeten Gegenständen realistisch simuliert werden.

Gotcha, Paintball und Laserdrome also… Davon habe ich noch keines gespielt. Deshalb muss ich mal naiv nachfragen: Ist es nicht so, dass man bei “Gotcha” und “Paintball” nun eher mal überhaupt niemanden verletzt, sondern nur… färbt? Und was ist eigentlich “Laserdrome”? Ich bin offenichtlich über die aktuelle Spielesituation gar nicht mehr informiert.

Weil es nur um Verletzung und Tötung von Mitspielern geht, sollten ja GTA VC und SA wenigstens keine Killerspiele sein. Da kann man nur unbeteiligte Passanten umbringen, weil’s keinen richtigen Mehrspielermodus hat. Gottseidank!

Manderlay

Dogville war ganz groß. Aber wirklich ganz groß! Und nicht nur weil der Regisseur so heißt wie meine Stadt… Für alle, die ihn nicht gesehen haben: Dogville ist ein bitterböser sozialkritischer Film mit Nicole Kidman. Ihm wird auch nachgesagt, amerikafeindlich zu sein, aber das greift viel zu kurz. Das Besondere daran ist nun aber, dass er mit einer minimalistischen Szenerie und Technik auskommt. Es wurde aus der Hand gefilmt (nein, nicht so krass wie beim Blair Witch Project :)) und die Kulisse ist zum Teil mit Kreide auf den Bühnenboden gemalt. So macht sich der gezeichnete Hund in seiner Hütte z.B. nur durch gelegentliches Bellen bemerkbar, nicht aber als echtes Tier. Es gibt keine echten Häuser, Bäume, keinen Himmel – nichts von alledem. Nur die Schauspieler. Das Ganze sieht also mehr wie ein Theaterstück als ein Kinofilm aus. Wer jetzt sagt “Theater find’ ich aber scheiße.” – Finde ich auch. Den Film mochte ich trotzdem.

Manderlay ist nun die Fortsetzung von Dogville und wie ich erst vorhin gelesen habe sogar der zweite Teil einer Trilogie. Diesmal geht es um Freiheit und Demokratie, die scharf kritisiert werden. Die idealistische Grace, die in Dogville noch von Nicole Kidman gespielt wurde, nun aber leider nicht mehr, befreit ein Dorf von der Sklaverei. Leider merkt sie sehr schnell, dass es offensichtlich nicht einfach ist, die ehemaligen Sklaven zu ihrem Glück zu zwingen. Die finden die Sklaverei nämlich gar nicht mal so übel.

Ich vermute mal, jeder, dem Dogville gefallen hat, wird auch Manderlay mögen. Allerdings muss ich zugeben, dass einiges an Reiz verloren geht, weil man nach dem ersten Teil nicht mal mehr von der experimentellen Kulisse überrascht ist. Pantomimisches Tür Öffnen und Schließen führt maximal zu einem “Aha, sie tun es schon wieder”, aber nicht mehr zu einem “Wow!” Auch konnte ich mich nicht mehr in derselben Art und Weise mit den verschiedenen Orten der Kulisse identifizieren. Die Stachelbeersträucher, der enge Weg dazwischen und die kleine Kirche in Dogville hatten irgendwie mehr Flair als die wenigen Dinge, die es im kargen Ort Manderlay gibt.

Daneben ahnt man auch schon von Anfang an die Richtung, in die der Film gehen wird. Dass die Sklaven nicht freudestrahlend ihre Befreierin feiern, wird gleich nach Beginn klar gezeigt. Bei Dogville hatte ich keinen blassen Schimmer, wie er ausgehen könnte und wurde am Ende wirklich erschütternd überrascht. Wenn man das gesehen hat, sind da schon viele Erwartungen beim Sehen von Manderlay dabei.

Mein Tipp also: Vorher Dogville gucken.

Richtlinienkompetenz

Im Zuge eines Referats (das letzte im Grundstudium!) muss möchte ich mich mit dem Bundeskanzler und seiner Richtlinienkompetenz beschäftigen. Das ist insofern von aktuellem Interesse, weil aus Reihen der Union der nächsten Bundeskanzlerin ebendiese aufgrund gleich großer Koalitionspartner abgesprochen wurde.

Artikel 65 des Grundgesetzes lautet unter anderem: “Der Bundeskanzler bestimmt die Richtlinien der Politik und trägt dafür die Verantwortung.”

Dass das in der Wirklichkeit so nicht geschieht dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Jetzt habe ich aber einen Aufsatz gelesen, der noch viel weiter geht. Eberhard Schuett-Wetschky sagt nämlich klipp und klar, dass überhaupt keine Richtlinienkompetenz in der Realität zum Tragen kommt und auch niemals angewendet wurde. Auch nicht unter Adenauer. Dieser Aufsatz ist so dermaßen gut und übersichtlich gegliedert und unglaublich grandios verständlich geschrieben, dass mir beim Lesen geradezu einer abgegegangen ist. :) Sowas ist auffällig angenehm, gerade weil ich als Kontrastprogramm zu dem noch das Methodenseminar mache… *hust*

Naja, jedenfalls begründet Schuett-Wetschky seine These hauptsächlich damit, dass jegliche Führung, die vom Kanzler ausgeht, einzig und allein auf “politischer Führung” im Gegensatz zu “hierarchischer Führung”, wie sie ein Unternehmen aufweist, basiert. Das heißt ein Kanzler braucht ständig eine Mehrheit (vor allem der Fraktion!) hinter sich. Niemals gründet sich sein Einfluss auf einem bloß niedergeschriebenen Satz im Grundgesetz, sondern immer nur auf der Fähigkeit Mehrheiten hinter sich zu versammeln, zu überzeugen und zu koordinieren. Ein Bundeskanzler kann trotz jurstisch vorhandener Richtlinienkompetenz niemals gegen eine Mehrheit in Fraktion, Parlament und auch Partei regieren, ansonsten ist er sehr schnell nicht mehr Kanzler. Ziemlich schlüssig und es bestärkt mich in der Auffassung, dass Juristen mehr Respekt vor anderen wissenschaftlichen Disziplinen haben sollten und das Grundgesetz überbewertet ist. ;)

Die kürzliche Debatte ist damit also völlig überflüssig, weil sich an dieser Situation nichts ändert, egal ob nun Koalitionspartner unterschiedlicher oder gleicher Größe zusammen regieren. Politische Führung in einer Großen Koalition könnte zwar durchaus schwieriger sein, mit dem Artikel 65 hat das aber nichts zu tun.

Yi: anders

Nach langem habe ich mal wieder ein besonders geiles Zeichen entdeckt. Es ist 异 (Yi) und bedeutet “anders”, aber mehr im Sinne von “seltsam” oder “ungewöhnlich”. Letzteres ist demnach im modernen Chinesisch auch 异常 (Yichang). Das Coole an dem Zeichen ist nun folgende Entwicklung und die Erklärung dazu:

Yi

The full form [yi] is 田 over 共. It depicted a person wearing a scary mask (the head is like that of 鬼 ‘demon’), waving hands in the air. Strange, different. The simple form 异 is 巳 yi phonetic over 廾 ‘two hands’. It is over two thousand years old (说文).

(natürlich aus Wenlin, woher auch sonst?)

Semestereröffnung

Die Busse fahren wie sie wollen, sind gefüllt bis oben hin, lange Schlangen vor allen Orten, die irgendwie wichtig sein könnten (Mensa, Sekretariat, Terminaldingsbums) und das schon lange nicht mehr aufgetretene Gefühl von Müdigkeit. Außerdem bin ich kaum mehr in der Lage schon um 12 Uhr Mittag zu essen und es scheint fast so, als gäbe es nur noch Erstsemester an der Uni.

Über das letztere Phänomen habe ich mir heute in der Schlange vor dem Geldautomaten aber mal Gedanken gemacht. Erstsemester fallen halt einfach mehr auf, denn man weiß ja schnell, dass es welche sein könnten, wenn sie Dinge wie “Wo ist denn eigentlich das Sekretariat von Frau Blubb…?”, “Gibt es hier in der Stadt ein XY?” oder “Wie ist das, wenn ich VWL ABC in diesem Semester mache und dann da noch Mathe-Bla dort… usw.” sagen. Dadurch überschätzt man ihre Zahl leicht. Okay, auch ich habe erst im letzten Semester gemerkt, dass es so etwas wie den Lesesaal C in der Bibliothek tatsächlich gibt und das entsprechende Schild dazu nicht einfach nur zur Verwirrung da rum steht. Sowas würde ich mittlerweile aber natürlich auf keinen Fall zugeben. Schon gar nicht in der Öffentlichkeit.

Nichtsdestotrotz studieren immer mehr. Diesmal angeblich 2500 neue Leute statt der sonst üblichen ca. 1500. Da geht dann eigentlich gar nichts mehr.