Zugegeben, mir fehlen noch knapp 60 Seiten bis zum Ende. Trotzdem wage ich, ein paar Worte darüber für nachfolgende Generationen zu hinterlassen, vor allem, weil ich den Rest auch nicht so schnell lesen werde. Wie schon bei meinen Worthülsen über “Chinas Weg in die Moderne” vom Herrn Spence angedeutet, sehe ich Konrad Seitz’ Werk recht kritisch. Es hat seine Höhepunkte, es ist ziemlich praktisch, aber es hat auch derbe Schwächen.
Zu knapp geraten ist mir eigentlich die gesamte Zeit bis zur Gründung der Volksrepublik. Der Autor wagt es tatsächlich, Chinas Geschichte von der Ming-Zeit bis zum Jahre 2015 (eine Prognose!) zu beschreiben. Spence startet auch mit den Ming und kommt bis Deng Xiaopings Tod im Jahr 1997. Das aber auf knapp doppelt so vielen und deutlich größeren Seiten. Hier müssen also Informationen wegfallen und das merkt man auch. Yuan Shikais Herrschaft von immerhin vier ziemlich interessanten Jahren wird z.B. auf einer halben (!) Seite abgehandelt. Stellenweise wird es durch so drastische Verkürzungen auch unklar und manche Zusammenhänge erschließen sich nicht. “War Yuan Shikai damit etwa eine unwichtige Nebenperson?”, fragt man sich. Sicher nicht!
Später verändert sich das aber und das Buch wird besser. Da nicht so arg um die wichtigen Punkte herumerzählt wird, Seitz also viel schneller auch mal zum Punkt kommt, ist sein Werk zum Lernen einfach besser geeignet als Spence’. Die Kapitel werden wie gesagt mit Beginn der Volksrepublik auch länger und lassen sich besser in einen Gesamtzusammenhang einordnen. Besonders ausführlich ist das Werk ab der Zeit nach Maos Tod und dem Beginn von Deng Xiaopings Reformprogramm. Allerdings muss ich zugeben, dass mir das alles zu wirtschaftlich wurde und deshalb uninteressanter für mich ist als die Zeit vorher. Inflation hier, Deflation da, Wachstum soundsoviel Prozent… langweilig! Für Leute, die sich mehr für Chinas Volkswirtschaft und das ganze Reformprogramm im Detail interessieren, ist dieser Teil sicher höchst interessant. Wirtschaftswissenschaftler mit Chinabezug sind womöglich hellauf begeistert davon. Ich bin es nicht, werfe das aber nicht dem Buch vor. Nein, ganz im Gegenteil: Diese Aktualität ist sicher der größte Vorteil von “China: Eine Weltmacht kehrt zurück”. Wer sich gerade mit der jüngsten Vergangenheit beschäftigen möchte, kann hier getrost zugreifen.
Natürlich ermutige ich auch jeden, der einfach mal in die chinesische Geschichte hineinblicken will, das Buch zu lesen. Chinas Geschichte ist ganz schön interessant, gerade auch weil man ja sowohl in der Schule als auch in den Medien nie etwas darüber erfährt. China wird immer als Land mit sehr alter, wenn nicht ältester Kultur überhaupt bezeichnet, so richtig weiß aber niemand, was das eigentlich bedeutet. Und hey, nebenbei kostet das Buch auch nur sagenhaft günstige 12€.
Reflektiert man auf die aktuellen weltpolitischen Probleme stimmen einen die ethischen Grundeinstellungen der “Uralt-Dynastien” und vor allem deren konsequente Umsetzung nachdenklich. Die Projektionen auf Gegenwart und Zukunft sind natürlich subjektiv und im Konext nicht so entscheidend. Aus meiner Sicht kann ich das Buch nur jedem empfehlen, der sich darüber Gedanken macht, wie wir wurden was wir sind (oder wer auch immer…..) Das christliche Abendland nimmt nach der Lektüre einen ganz anderen Stellenwert ein !