Archiv für Oktober 2006

Sanlitun

Ausgehen für die Wissenschaft.

Eben habe ich nochmal einen alten Spiegel-Artikel zu Pekings “Rotlichtviertel” Sanlituntar gelesen. Dieser wurde 2002 geschrieben und nun, über vier Jahre später, kann ich definitiv sagen, dass es mir gestern nicht so vor kam, wie dort beschrieben.

Ähnlich wie in Houhai gibt es entlang der Haupt-Straße zahlreiche Bars mit oder ohne Live-Musik, mit oder ohne Tänzerinnen, mit oder ohne gemütlichen Sesseln, mit oder ohne Karaoke. Hier waren wir nicht drin, sondern sind weiter bis zur dazu parallel gelegenen Straße gegangen, wo weniger Bars als vielmehr Clubs und Discos gelegen sind. Wir waren in vier verschiedenen drinnen und überraschenderweise war es wirklich gar nicht schlecht dort. Gute Atmossphäre, nicht zu voll aber auch nicht zu leer, teilweise sogar gute Musik! Und wenn ich das sage, muss das schon wirklich was heißen. In einem Laden namens “Kai Club” hing sogar ein Schild, auf dem etwas von Indie-Rock alle zwei Wochen Donnerstags stand. Ich war sichtlich gerührt, so etwas endlich mal zu sehen. Fast hätte ich geweint vor Freude.

Das Überraschendste überhaupt aber waren die Preise. Eingestellt mit der Vorstellung, wir müssten mindestens 3€ für eine kleine Flasche Bier ausgeben, waren wir dort und es gab die Dinger dann für gerade mal 10元, umgerechnet also 1€. Das ist sogar billiger als an einigen Orten hier im Universitäts-Viertel. Möglicherweise ist es in den Bars anders und die Preise sind dort deutlich höher. Aber im Prinzip ist es sowieso recht überflüssig in Bars dort zu gehen, denn es gibt auch genug um die Ecke hier in Wudaokou. Und Bars sind sich eh alle mehr oder weniger ähnlich, finde ich.

Der Spiegel-Artikel zeigt ein doch recht schmuddeliges Bild von Sanlitun, was wir so überhaupt nicht feststellen konnten. Wir wurden nur ein einziges Mal angeworben, in eine Lady-Bar reinzugehen, wo wir in Houhai an jeder Ecke gefragt wurden.

Stellen wir also fest: Es hat sich offenbar so einiges geändert in diesen vier Jahren. Die Wissenschaft ist wieder einen Schritt weiter.

Gourou

Endlich ein Reallife-Indiz, dass in China also doch Hunde gegessen werden und dann sogar noch in der Hauptstadt! Zumindest sagt das schonmal diese Speisekarte:


Gourou

狗肉火锅 steht dort und das bedeutet “Hundefleisch-Feuertopf”. Hmm! Noch habe ich nicht das dringende Bedürfnis, das zu probieren. Aber wahrscheinlich ist das eh alles nur ein Touristengag und man bekommt dann doch wieder Hühnchen…

Wikipedia wieder da

Dort hatte ich noch geschrieben, dass Wikipedia ja in China nicht zu erreichen sei und nun bemerke ich das da:

China Unblocks Wikipedia

Published: October 11, 2006 10:40 AM ET

NEW YORK The online interactive reference site Wikipedia announced Tuesday that the site had apparently been made accessible in China, after being blocked for just over a year by the country’s government. (vollständiger Artikel)

Und es klappt auch tatsächlich wieder. Schöne Sache. Das Einzige, was ich jetzt noch bemerke, ist, dass ich Google zeitweise nicht erreichen kann.

Sprachunterricht

Knapp einen Monat gehe ich nun zum Unterricht hier an der BLCU und nun finde ich, ist es an der Zeit, sich auch mal dazu etwas ausführlicher auszulassen. Das soll auf keinen Fall eine Abhandlung über asiatische Lehrmethoden oder solche an meiner Uni allgemein sein. Es ist einzig und allein auf meine Klasse und meine Lehrer beschränkt, denn ich weiß, dass es recht große Differenzen gibt.

Mein Unterricht findet immer von morgens 8:30 Uhr bis 12:30 Uhr statt. Dabei habe ich zwei Stunden “normales” Chinesisch, wo Grammatik und neue Zeichen besprochen werden, und dann noch zwei Stunden entweder Hör- oder Leseverständnis oder gesprochenes Chinesisch. Vorher habe ich immer gehört, dass hier in China grundsätzlich sturer Frontalunterricht gemacht wird. Das stimmt im Prinzip, wobei ja eigentlich meistens eh niemand genau weiß, was eigentlich Frontalunterricht ist. Ich will es deshalb etwas genauer erklären.

Zunächst mal wirkt alles sehr durchdacht und in einem engen Zeitlimit geplant. Der Unterricht beginnt bei uns fast auf die Sekunde pünktlich und hört genauso pünktlich wieder auf. Der Ablauf richtet sich ziemlich genau nach dem des Unterrichtsbuches. Dabei geht es rasant schnell voran und jeder muss jeden Tag neue Vokabeln lernen, denn am nächsten Tag werden diese abgefragt. Zu Beginn des Unterrichts werden dabei mehrere Leute einfach aufgerufen, die dann an die Tafel gehen müssen, um die Zeichen anzuschreiben, die die Lehrerin diktiert. Damit ist dann auch Druck zum Lernen da, weil man schließlich nicht die Peinlichkeit erleben möchte, nach vorne zu gehen und gar nichts zu wissen.

Fa: Bestrafen

Zur Abwechslung mal wieder ein cooles Schriftzeichen. Aus diesem kann man schön erkennen, um was es sich dabei handelt. Es geht nämlich um Bestrafung.

Aus dem Wenlin-Eintrag:

1581 罚(F罰) [fá] (惩罚 chéngfá) punish; (罚款 fákuǎn) fine
罚[罰] ²fá v. punish; penalize

Fa

From 罒(网 wǎng) ‘net’, 讠(言 yán) ‘words’, and 刂(刀 dāo) ‘knife’.
“To 言 sentence and 刀 amputate someone 网 caught (for offence)” –Karlgren.

Also jemanden mit einem Netz gefangen nehmen, dann verurteilen und schließlich etwas mit einem Messer amputieren: Alles drin! Wenn das doch mal immer so schön übersichtlich und merkbar wäre…

Die Verbotene Baustelle

Gestern war ich mit Florian in der Verbotenen Stadt. Muss man ja auch mal gesehen haben, wa? Wir sind standardmäßig mit der U-Bahn zum Tiananmen-Platz gefahren, haben dort noch ein paar Fotos gemacht und dann auf die andere Straßenseite zum Tor des Himmlischen Friedens. Nicht allzu schlecht war, dass ich direkt mal die falschen Karten gekauft habe, die nämlich nur für das Tiananmen selbst, nicht aber für die Verbotene Stadt dahinter gelten. Augen auf beim Eierkauf. Allerdings konnten wir so dann vom Tiananmen hinunter ganz nette Fotos vom Platz machen. All das natürlich wie immer schwer getrübt vom dicken Smog, der alles in einen grauen Schleier verwandelt.

Nach dem Kauf neuer Karten sind wir dann endlich ins eigentliche Ziel hineingegangen und waren schwerst enttäuscht. Die großen Hallen hinter dem Eingang werden renoviert. Und das nicht hier und da, sondern man hat gleich um komplette Hallen Gerüste aufgebaut, so dass man überhaupt nichts mehr sieht. So sieht das dann aus:

Das alles wird natürlich, wie immer, für Er-ling-ling-ba (2008) gemacht, damit zu den Olympischen Spielen dann da nicht plötzlich eins von den Gebäuden einstürzt, vermute ich. Diese Baustellen sind allerdings nur am Anfang der Verbotenen Stadt und weiter hinten ist es dann durchaus sehr schön und so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Natürlich ist es schade, dass es gerade die großen Gebäude sind, die renoviert werden. Gerade die will man als Besucher ja sehen. Da wir an einem Donnerstag da waren und sicherlich auch aufgrund der Renovierungsarbeiten, war es nicht mit Menschen überlaufen und deshalb sehr angenehm.

Ich hoffe, dass die Arbeiten fertig sind, bevor ich das Land wieder verlasse und ich dann den Rest noch sehen kann.

Nationalfeiertag

Heute ist der 1. Oktober und damit Nationalfeiertag hier in China, da – für alle, die sich nicht mehr erinnern – am 1.10.1949 die Volksrepublik China ausgerufen wurde. Aus diesem Grund bin ich heute gemeinsam mit Geoff, Jean und dessen Mitbewohner Suzuki zum Tiananmen-Platz gefahren, um zu schauen, ob dort irgendetwas Interessantes ist. Vielleicht eine Parade mit Atomwaffen oder ein Vortrag des Staatspräsidenten zur Lage der Nation… Um es kurz zu machen: Es war nichts Besonderes dort. Bis auf unzählige Menschen, die vermutlich alle, genau wie wir, halt mal gucken wollten, ob es etwas Besonderes dort gibt. Nun kamen wir allerdings auch erst Nachmittags dort hin und so kann es durchaus sein, dass wir eine eventuelle Parade bereits verpasst haben.

Ein paar wenige Bilder (hier unten und dort drüben) habe ich geschossen und nachher sind wir dann zusammen nach einem Besuch der völlig überfüllten Wangfujing-Straße, wieder zurück nach Wudaokou gefahren. Nachdem wir uns dann noch mit zwei weiteren Japanern getroffen haben, wollten wir Essen gehen, wobei ich das Restaurant auswählte. Von Außen sah es immer ganz nett aus und so schlug ich vor doch dieses mal auszuprobieren. Es war das bisher wohl schlechteste Restaurant, in dem ich bisher hier war. Kleine Portionen, wenig Geschmack, Fleisch mit Knochen, Fisch mit Gräten und dann nicht einmal besonders günstig. 我不好意思。 :(

Vermessung der Weit

Jetzt echt ohne Scheiß. Ich geh in einen riesigen Buchladen auf der Wangfujing-Einkaufsstraße und gleich das erste Buch, das vom Deutschen ins Chinesische übersetzt wurde und mir in die Hand fällt, weist Fehler auf. Und das schon auf dem Cover:

img_2305.JPG

Das äußerst populäre “Die Vermessung der Weit” von Daniei Kehimann also. Da hat wohl jemand die L-Taste nicht gefunden und dann einfach i benutzt. Kann man ja durchaus mal machen.