Knapp einen Monat gehe ich nun zum Unterricht hier an der BLCU und nun finde ich, ist es an der Zeit, sich auch mal dazu etwas ausführlicher auszulassen. Das soll auf keinen Fall eine Abhandlung über asiatische Lehrmethoden oder solche an meiner Uni allgemein sein. Es ist einzig und allein auf meine Klasse und meine Lehrer beschränkt, denn ich weiß, dass es recht große Differenzen gibt.
Mein Unterricht findet immer von morgens 8:30 Uhr bis 12:30 Uhr statt. Dabei habe ich zwei Stunden “normales” Chinesisch, wo Grammatik und neue Zeichen besprochen werden, und dann noch zwei Stunden entweder Hör- oder Leseverständnis oder gesprochenes Chinesisch. Vorher habe ich immer gehört, dass hier in China grundsätzlich sturer Frontalunterricht gemacht wird. Das stimmt im Prinzip, wobei ja eigentlich meistens eh niemand genau weiß, was eigentlich Frontalunterricht ist. Ich will es deshalb etwas genauer erklären.
Zunächst mal wirkt alles sehr durchdacht und in einem engen Zeitlimit geplant. Der Unterricht beginnt bei uns fast auf die Sekunde pünktlich und hört genauso pünktlich wieder auf. Der Ablauf richtet sich ziemlich genau nach dem des Unterrichtsbuches. Dabei geht es rasant schnell voran und jeder muss jeden Tag neue Vokabeln lernen, denn am nächsten Tag werden diese abgefragt. Zu Beginn des Unterrichts werden dabei mehrere Leute einfach aufgerufen, die dann an die Tafel gehen müssen, um die Zeichen anzuschreiben, die die Lehrerin diktiert. Damit ist dann auch Druck zum Lernen da, weil man schließlich nicht die Peinlichkeit erleben möchte, nach vorne zu gehen und gar nichts zu wissen.
Neben dem Vokabeln Abfragen gibt es bei uns eine krasse Abweichung vom sogenannten Frontalunterricht. Zu Anfang jeder Stunde muss immer einer aus der Klasse einen kurzen Vortrag auf Chinesisch über ein Thema seiner Wahl halten. Das Ganze dauert zwar im Regelfall nur drei bis fünf Minuten, klingt aber vielleicht einfacher als es ist. Zumindest für mich. Ich habe meinen Vortrag schon gehalten und habe etwas zur Fußball-WM erzählt. Als einziger Deutscher in der Klasse sicher ein Thema, was sich anbietet.
Die angeschriebenen Vokabeln werden nun im einzelnen besprochen, wobei erklärt wird, um was es sich handelt. Die Lehrerin gibt Beispiele, wobei eigentlich sowieso schon klar ist, was es bedeutet, denn im Buch steht ja immer die englische Übersetzung nebendran. Dann werden Schüler aufgerufen, die nun selbst einen Satz mit dem jeweiligen neuen Wort bilden sollen. Grundsätzlich wird sich bei uns nicht gemeldet, sondern immer nur aufgerufen. So passiert es ständig, dass man auf dem falschen Fuß erwischt wird und in dem Moment überhaupt nicht weiß, was man sagen soll. Auch dadurch soll offensichtlich wieder Druck erzeugt werden, mitzuarbeiten, was defintiv hilft, jedoch den – ich sag mal – allgemeinen Coolheitsgrad in der Klasse deutlich senkt. Spaß macht das nicht unbedingt, gerade auch, weil eigentlich meistens zu wenig Zeit zum Überlegen gegeben wird.
Bevor ich hier herkam, war auch immer die Rede vom gefürchteten gemeinsamen Lesen der gesamten Klasse. Das ist absolut wahr und geht mir regelmäßig auf die Nerven. Jeder Lektionstext und jede neue Vokabel und jeder Beispielsatz an der Tafel wird immer erst von der Lehrerin vorgelesen und danach von der gesamten Klasse gleichzeitig (!). Den Sinn dahinter habe ich noch nicht begriffen. Ich selbst verstehe dann ja überhaupt nicht, was ich eigentlich lese und kann auch problemlos Wörter auslassen, die ich nicht kenne oder halt einfach überhaupt nicht mitlesen, wenn ich nicht will. Die Asiaten in der Klasse machen hier immer lautstark mit und ich fühle mich dann mit meinem Widerstand gegen all das ziemlich allein gelassen.
Abweichend vom Klischee ist auch das Vorspielen von Lektionsszenen vor der Klasse in Gruppenarbeit mit einem bis drei anderen Mitschülern. Hier kann man wirklich kreativ werden und schauspielern, wie man möchte. Der Lektionstext gibt nur die grobe Handlung vor. Ich würde aber lügen, wenn ich behaupten würde, dass mir das nun Spaß macht. Schauspielerei ist so ziemlich das letzte, was ich freiwillig machen würde. Außerdem ist auch hier oft zu wenig Zeit, um wirklich mal alles so zu planen, wie man das gerne möchte. Manchmal müssen wir es erst am nächsten Tag aufführen und so könnte man sich nach dem Unterricht treffen, um etwas zu planen. Aber wer will das schon? Gestern sind wir deshalb einfach nach vorne gegangen und haben irgendwas zusammenimprovisiert. Naja. Ich zweifele auch dran, dass das in dieser Art und Weise tatsächlich sinnvoll ist. Wenn man vorne steht und kaum Zeit für irgendwas hat und eigentlich nur überlegt, was man als nächstes tut, kommen in Sachen Sprache wieder nur sehr kurze Sätze heraus. “Wir brauchen Hilfe!”, “Wo ist der Polizist?”, “Stell es dort hin!” usw.
Das aber wahrscheinlich Seltsamste für mich als Europäer ist das Auswendiglernen. Ich hätte nicht gedacht, dass das tatsächlich in dieser Form gemacht wird, aber mittlerweile sollen wir ganze Absätze aus Lektionstexten auswendig lernen. Kein Nacherzählen, sondern Wort für Wort. Und zwar auch während des Unterrichts und nicht etwa nur zu Hause. Dabei schreibt die Lehrerin den Lektionstext mit riesigen Lücken an die Tafel. Das was übrig bleibt, soll einem eine grobe Orientierung geben. Ich habe so etwas vorher nie gemacht und habe große Schwierigkeiten, mir innerhalb von zehn Minuten ganze Absätze zu merken, wobei ich den Eindruck habe, dass das bei den Asiaten in der Klasse deutlich schneller geht. Außerdem sind einige davon immer überaus motiviert, das wirklich gut zu machen, wo bei mir dann immer dieser innere Widerstand aufkommt, mich überhaupt daran zu beteiligen. Das Schlimmste an der ganzen Sache ist, dass es wahrscheinlich sogar eine ganze Menge bringt und mein Unwillen deshalb keine Basis hat. Auch wenn all das Gelernte nur ins Kurzzeitgedächtnis kommt, erweitert man mit dieser Methode gleichzeitig Wortschatz, Grammatikverständnis, Aussprache, und naja… sein Gedächtnis. Man weiß danach, wie Wörter benutzt werden und lernt auch längere Sätze zu bilden.
Natürlich werde ich es trotzdem weiter hassen.
Hör- und Leseverständnis laufen immer gleich ab. Man hört halt entweder die Lektion mit dem Kopfhörer und kreuzt dabei die vermeintlich richtigen Antworten an oder man liest den Text und tut danach dasselbe. Hören ist für viele in der Klasse, insbesondere für mich, ein Problem und die Lektionen sind eigentlich deutlich über meinem Niveau. So tue ich also das, was eigentlich nicht so gedacht ist und höre mir alles schon am Tag vorher mal an und lese die Texte, die drankommen, um überhaupt einigermaßen folgen zu können. Die Kassetten zu den Texten kann man überall kaufen. Anders geht es aber derzeit nicht, denn ich kann nicht gleichzeitg hören und dabei die möglichen Antworten durchlesen. Außerdem sind in den Texten Vokabeln drin, die ich nicht kenne. Ohne die geht es aber kaum. Lesen ist da deutlich einfacher, weil man schließlich Zeit hat, um unbekannte Wörter nachzuschlagen. Im Anschluss an das Ankreuzen der Antworten, wird in kleinen Gruppen “diskutiert”, was denn nun richtig und falsch ist. Beim Hörverständnis ist das aber völlig zwecklos, weil man ja zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr weiß, was eigentlich vorher in der Lektion gesagt wurde. Also läuft das nach
“Was hast du bei 1 gewählt?”
“Da hab ich B angekreuzt.”
“Aha, ich hab da C. Naja, keine Ahnung. Warten wir mal ab.”
Danach wird dann nochmal in der Klasse über die richtigen Antworten gesprochen und die Lehrerin wiederholt strittige und schwierige Stellen nochmal langsam.
Über zu wenige Hausaufgaben kann ich mich nicht beschweren. Es müssen jeden Tag ca. 20 Vokabeln gelernt werden. Viele davon kenne ich aber bereits und so ist das zu bewältigen. Dazu kommen aber noch einige Aufgaben im Buch und dann halt mal Vorbereitung für die Schauspielerei, wo man dann eventuell Texte lernen muss, Sätze bilden mit den neuen Schriftzeichen oder stures Auswendiglernen von Texten.
Insgesamt muss ich klar und deutlich zugeben, dass mir der Unterricht keinen Spaß macht und ich mich jeden Tag zwinge hinzugehen. Allerdings glaube ich trotzdem, dass es doch verhältnismäßig viel bringt, gerade weil unsere Grammatik-Lehrerin sehr motiviert an die Sache herangeht und sich nicht davor scheut Schüler der Peinlichkeit auszusetzen. Das ist zwar nicht gut für meine Nerven aber vielleicht wenigstens fürs Chinesisch. Hoffe ich zumindest.
Allerdings habe ich nun auch zwei chinesische Sprachpartnerinnen gefunden, wovon eine Englisch und eine Deutsch lernt. Mit denen treffe ich mich nun regelmäßig und denke, dass das immer noch deutlich mehr bringt als jeder Unterricht.
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