Archiv für November 2006

Privatlehrer

Der Unterricht an der Uni ist ja schön und gut (eher mehr gut als schön) und auch meine beiden Sprachpartnerinnen sind toll, aber all das ist mir nicht genug. Im Unterricht sitzen zu viele Leute, als dass man wirklich mal Chinesisch redet. Und beim Sprachaustausch rede ich auch immer zu viel Englisch bzw. Deutsch.

Aus diesen Gründen habe ich mir nun einen Privattutor besorgt, mit dem ich mich nun regelmäßig treffen werde. Den muss ich zwar bezahlen, aber dafür wird auch wirklich Chinesisch benutzt und ich kann ihn mit so vielen Fragen nerven, wie ich will. Heute war unser erstes Treffen und ich bin wirklich sehr zufrieden. Er korrigiert alles, was ich falsch mache, spricht auch selbst viel Chinesisch, was meine Sprachpartnerinnen aus verständlichen Gründen nicht tun und schreibt alle neuen Sachen auf, so dass ich später neue Wörter auch wirklich lernen kann und nicht beim nächsten Mal schon wieder vergessen habe.

Außerdem ist er ein Kerl. So kann man auch mal über die wirklich wichtigen Dinge, wie Fußball (沙尔克04和多特蒙德是宿敌: Schalke 04 und Dortmund sind Feinde), Autos (法拉利: Ferrari) und Bier (扎啤: Fassbier) reden. ;)

Fushu

复述 (fushu) bedeutet eigentlich “nacherzählen” und das machen wir an nun regelmäßig im Unterricht. Fragt man die Lehrerin, ob das bedeute, man müsse den ganzen Text nun auswendig lernen, wird sie sagen: “Nein, nicht auswendig, sondern nacherzählen. Nicht Wort für Wort.”

Letztendlich wird dann aber etwas gemacht, was genau das selbe ist, wie Auswendiglernen. Die Lehrerin schreibt den Lektionstext mit großen Lücken an die Tafel, was dann ungefähr so aussieht:

Die Sache ____: Als ich an diesem Tag ____, sah ich gleich ____ Mädchen. Sie ____ und ____ und es sah so aus als ob _____ und sie sagte ununterbrochen: ” _____ ich muss mich übergeben.”

Und hier ohne die Lücken:

Die Sache geschah folgendermaßen: Als ich an diesem Tag in den Zug stieg, sah ich gleich ein auf dem gegenüberliegenden Sitz, zirka 5 bis 6 Jahre altes Mädchen. Sie sah sehr blaß aus und klammerte sich an seine Mutter und es sah so aus als ob sie sich sehr unwohl fühlte und sie sagte ununterbrochen: “Mama, Mama, mir ist übel, ich muss mich übergeben.”

Das Ganze dann für mehrere Absätze. Mein Beispiel sieht leider einfacher aus, als ich mir das so gedacht habe, aber das liegt halt vor allem daran, dass es in Deutsch ist. ;) Weil der Lektionstext so spannend ist: Es geht um ein Mädchen, das mit ihrer Mutter zusammen im Zug sitzt und dem dort übel wird. Ein hilfsbereiter Rentner macht Platz, so dass das Mädchen sich ans Fenster setzen kann. Kaum sitzt sie dort, übergibt sie sich aus dem Zugfenster hinaus. Die Beobachterin ist danach sehr glücklich darüber, dass es sich wenigstens nicht in die Zugkabine hinein übergeben hat. Danach gibt der Renter dem Mädchen noch ein Medikament gegen Übelkeit, worauf sich die Mutter überschwenglich bedankt. Schön, nicht?

Jedenfalls bleibt einem bei dieser Art und Weise des Lernens wirklich rein gar nichts anderes übrig, als es wirklich auswendig zu lernen. Und selbst wenn ich die Lücken mal nicht exakt fülle und womöglich sogar mal eine Information auslasse, werde ich gleich verbessert und am Ende erzähle ich halt doch Wort für Wort. Wenn überhaupt, denn ich halte das Ganze für äußerst schwierig und brauche sehr lange, um mir die Sätze zu merken.

Das ist kein Nacherzählen. Aber das alles hat dennoch einen gewaltigen Vorteil: Das, was man dann erzählt, ist auch richtig. Wenn ich selber Sätze bilde, können Fehler drin sein. Gestern habe ich mich dabei erwischt, wie ich einen solch auswendig gelernten Satz aus der letzten Lektion tatsächlich exakt so auch im Alltag verwendet habe. Das kam mir irgendwie seltsam vor, hat aber natürlich trotzdem funktioniert.

Krieg, Brücke, Peking-Mensch

Heute war ein Ausflug zu drei verschiedenen Orten. Zunächst zu einem Museum, das sich mit dem Krieg gegen Japan während des Zweiten Weltkriegs befasst, danach dann zur nahegelegenen Marco-Polo-Brücke, an der sich der berühmte Vorfall ereignete, der schließlich zum offiziellen Beginn des Zweiten Weltkriegs in Asien führte. Danach fuhren wir zum Fundort des “Peking-Menschen”, einem vor ganz langer Zeit ausgestorbenen Art von Mensch.

Das alles war leider nicht so wirklich spektakulär. Im Museum gab es nur chinesische Texte zu lesen und so mussten wir Ausländer uns dann damit begnügen, Karten und die dortigen Gegenstände anzusehen. Gerade im Hinblick auf chinesische Ansichten zum Krieg ist das natürlich wenig hilfreich. Die hätten mich dann aber schon mal interessiert.

Die Marco-Polo-Brücke war gar nicht als solche zu erkennen. Plötzlich waren wir an einer Brücke, gingen drüber und fragten uns, ob es die nun sei und kamen zu dem Schluss, dass das nicht sein könne. Die Brücke war zu unspektakulär und dem Ereignis nicht entsprechend. Nachher stellte sich heraus, dass es sehr wohl die Marco-Polo-Brücke gewesen ist. Naja.

In Sachen Peking-Mensch gab es immerhin die ein und andere wirklich tolle Höhle zu sehen, wo dieser gelebt hat und Höhlen, wo verschiedene Überreste dann ausgebuddelt wurden. Das war durchaus nicht übel und auch die Umgebung drumherum ist sehr angenehm, entspannend und ruhig. Das dortige Museum kann man sich anschauen, warf mich aber ebenfalls nicht vom Hocker. Man sieht halt Knochen und Steine da drin.

Insgesamt sicher ein Ausflug, den man nicht unbedingt machen muss.

Heute im Walmart…

Eine U-Bahnstation nach Süden bin ich heute gefahren, um im dortigen Walmart nach Salami zu suchen. Dabei konnte ich dann gleich mal meine neue Peking-Verkehrsmittelkarte ausprobieren. Prepaid lädt man da Geld drauf und muss dann nicht mehr am Schalter Fahrkarten kaufen. Sogar in den Bussen soll das klappen. Auf der Hinfahrt hat das auch blendend funktioniert, aber schon bei der Rückfahrt hing es und der U-Bahnschalter leuchtete Rot auf, als ich die Karte dranhielt. Ich wurde dann einfach durchgewunken, weil das Gerät scheinbar gerade nicht richtig funktionierte. Praktisch, diese Karte. Geld gespart.

Jedenfalls habe ich im Walmart, der übrigens schrecklich unübersichtlich ist, dann das hier entdeckt:

muesli.jpg

Früchte-Müsli aus Berlin.

Nun bin ich ja nicht einmal ein großer Müslifanatiker, habe mir das also einfach nur angeschaut und bin weitergegangen. Schließlich gab es Salami zu suchen. Nach erfolglosem Herumlaufen im Wurstsektor und der Erkenntnis, dass es zwar salamiähnliche Würste dort gibt, jedoch keine Salamischeiben, kam ich auf dem Weg zum Ausgang wieder am Müsli vorbei, ging vorbei, drehte mich um, ging zurück, nahm es mit und kaufte es. Und das zu dem Wucherpreis von satten 44元. Immerhin ist noch ein hübsches Holzschälchen und ein Löffel dabei.

Tianjin

Zum ersten Mal bin ich aus Peking raus, um mit dem Zug nach Tianjin zu fahren (Bilder dort). Wir haben uns entschlossen doch nur einen Tag dort zu bleiben und abends dann wieder zurückzufahren. Das geht problemlos, weil die Zugfahrt auch gerade mal anderthalb Stunden dauert. Wie so viele Städte in China ist auch Tianjin riesig, aber wir sind in Gegenden gekommen, die sehr angenehm ruhig sind. Der Lonely-Planet-Reiseführer hat uns zunächst zum Gebiet geführt, wo zahlreiche Gebäude aus der Kolonialzeit noch stehen und wo es dadurch aussieht, als befände man sich in Europa. Die meisten dieser Gebäude waren früher Banken der ausländischen Mächte. Heute sind teilweise immer noch chinesische Banken dort drin oder diese Gebäude wurden z.B. in Restaurants umgewandelt.

Danach haben wir dann die wirklich riesige Einkaufspassage entdeckt, die sich aber natürlich kaum von denjenigen hier in Peking unterscheidet. Sehr viel Krach, Menschen und Zeug, das niemand braucht. Wir haben uns dann entschlossen nach einer Antiquitätenstraße zu suchen, die sich ganz in der Nähe befinden musste. Wie aber schon so oft, mussten wir länger als erwartet suchen, gerade auch, weil die Karte im Reiseführer nicht gerade vor Übersichtlichkeit strotzt. Endlich angekommen befanden wir uns aber urplötzlich wieder in der totalen Stille. Alte Männer, die rauchend in kleinen Geschäften sitzen und alte Dinge verkaufen. Vieles war garantiert nicht alt, sondern gefälscht. Gut sah es trotzdem aus. Ich überlegte, mir eine Mao-Bibel mitzunehmen, ließ es dann aber doch sein.

Später sind wir dann noch mit dem Taxi zu einer weiteren Straße gefahren, die wirklich sehr schön war und wo traditionelle Gegenstände wie Fächer, Schwerter, lokale Süßigkeiten und Jade-Figuren verkauft werden. Will man wirklich mal viel Geld hier ausgeben, kann man sich dort problemlos mit 5.000 €-Jadeschmuck eindecken. Diese Straße war auch nicht so dermaßen pseudo-traditionell gestaltet, wie z.B. die Qianmen-Gegend in Peking, wo ein paar alte wirkende Häuser stehen, in den Geschäften dann aber trotzdem Socken verkauft werden. Das hier war mir viel sympathischer. Übrigens haben wir während des gesamten Tages gerade mal fünf Ausländer gesehen.

Das Vorurteil, dass alle Städte in China gleich seien, kann ich, nach dem Besuch Tianjins so erstmal nicht bestätigen.