Archiv für Dezember 2006

Chengdu

Von Freitag bis nächsten Dienstag werde ich in Chengdu sein und dort Weihnachten feiern. Chengdu liegt in der Provinz Sichuan in Westchina und hat läppische 3,5 Millionen Einwohner. Außerdem liegt die Temperatur dort momentan bei 13°C, was mich ganz besonders freut. Zu sehen gibt es dort u.a. die Großen Pandabären (大熊猫).

Flugtickets kaufen war wieder mal sehr chinesisch. Erst waren wir direkt im Air China-Büro, wo man von uns für Hin- und Rückflug über 2000元 haben wollte, was ziemlich teuer ist. Danach hab ich mal bei Sichuan Airlines angerufen und man sagte mir 1540元. Okay, aber keiner weiß so recht, wo man genau so eine Karte eigentlich herbekommen kann. Dann haben wir in anderen unabhängigen Ticketshops nachgefragt und es hieß 1460元. Am nächsten Tag zum Abholen aber war auch dort der Preis wieder wie anfangs. Dann sind wir als letztes noch zum Reisebüro meiner Uni gegangen, wo wir das Ticket dann plötzlich für 1350元 bekommen haben. Und der Witz dabei ist, dass es auch von Air China ist.

Wie auch immer. Ich werde dort versuchen, wieder mal meine Kamera zu benutzen und wünsche allen schonmal präventiv Frohe Weihnachten.

Kalt

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“Trockene Kälte ist leichter zu ertragen.” Pah! Alles gelogen. Ich war heute bisher gerade mal etwa 15 Minuten draußen und habe so gefroren wie selten zuvor. Der Wind hier ist schrecklich, wirbelt Staub und Dreck so auf, dass man dauernd stehen bleiben und sich umdrehen muss, bevor man bis zur nächsten Böe weiter gehen kann.

Und es wird noch bis zu -20°C. Na toll.

Vorurteile zum Chinesischen

Leute, die vorher noch nichts mit der Sprache zu tun hatten, dann aber überlegen, ob sie sie nicht vielleicht lernen möchten, werden oft – insbesondere durch das Internet – mit Vorurteilen konfrontiert, die so nicht stimmen oder zumindest zu kurz greifen. Ich werde versuchen, ein paar davon zu erklären, zu widerlegen oder diese auch bestätigen, wenn ich selbst auch den Eindruck habe, dass sie stimmen.

1. Chinesisch ist für Westler unlernbar / zu schwierig

Das ist definitiv falsch. Zwar ist es für Leute, die bisher nur mit den europäischen Sprachen zu tun hatten, schwieriger als für Asiaten, Chinesisch ist aber erlernbar wie jede andere Sprache auch. Das ist offensichtlich, denn es existieren deutsche Lehrer, die Chinesisch unterrichten. ;) Man braucht jedenfalls kein besonderes Talent, um damit anzufangen. Spaß am Sprachen lernen und, gerade aufgrund der Schriftzeichen ist aber Fleiß schon nicht unangebracht. Vor allem ist zu bedenken, dass man jedes noch so kleine Wort neu lernen muss, weil keine Verwandtschaft zu unserer Sprache besteht. Ähnlichkeiten wie zwischen “tomato” und “Tomate” gibt es nicht. Das Ding heißt da “xihongshi”. Die paar phonetischen Übersetzungen wie “yimeier”, was fast wie “E-Mail” klingt, helfen nicht wirklich. Fest steht: Es dauert viel viel länger Chinesisch zu lernen, als eine europäische Sprache.

Schwierig, aber zu schaffen.

2. Die Grammatik ist einfach

Ein schwieriger Punkt. Theoretisch und aus linguistischer Sicht ist sie das wohl, aber hier ist nun wieder der Blickwinkel wichtig. Wenn ich von einer Sprache wie dem Deutschen, mit sehr vielen strikten Regeln ausgehe und genau an eine solche Art von Regeln gewöhnt bin, ist das sehr verwirrend plötzlich nicht mehr diese Regeln zu haben. Anfangs freut man sich darüber, dass es keine Deklination, keine grammatischen Unterschiede zwischen männlich und weiblich, scheinbar einfache Bildung von Zukunft und Vergangenheit, im Prinzip immer die selbe Satzkonstruktion usw. gibt.

Später findet man sich dann aber in der Situation wieder, diese Regeln gerne zu haben, um mit seinen Sätzen auch tatsächlich richtig zu liegen. Da es alles so anders ist, kann man nicht einfach vom Deutschen aufs Chinesische schließen. Man fängt an zu vermuten, probiert herum und kommt an Konstruktionen, die doch nicht so einfach sind. Die Betonung wird durch verschiedene Stellungen der Wörter im Satz geändert und die einfache Satzkonstruktion ist dann plötzlich doch nicht mehr einfach. Will man eine Frage bilden, weiß man theoretisch, dass das gemacht wird, indem man “einfach” ganz hinten “ma” anhängt, tut es aber nicht, sondern hebt die Stimme, so wie man es im Deutschen tun würde, um eine Frage zu stellen. Funktioniert so aber nicht. Man sagt sich immer wieder frustriert: “Wieso mache ich es nicht so, wie ich es gelernt habe?”

Man lernt wie man Passivsätze bildet und lernt gleichzeitig, wann man sie nicht bilden darf. Man lernt, wie man Objekte voranstellt, wann man das tun muss, wann man das nicht darf. Vieles davon Dinge, die uns unbekannt, dadurch völlig neu und manchmal unverständlich sind.

Man entdeckt, dass es doch verschiedene Möglichkeiten der Vergangenheitsbildung gibt (了 vs. 过 vs. 是..的), die man zwar im Prinzip erklären kann, die jedoch bezogen auf das Deutsche keine sonderliche Rolle spielen. So ist es wichtig, ob man einfach nur etwas getan hat, oder ob man eine “Erfahrung” gemacht hat. Man erkennt, dass der Fokus der Chinesen häufig auf der Richtung und dem Sprecherstandpunkt liegt. “Hinübergehen” (走过去) und “Herübergehen” (走过来) ist für uns fast gleich. Wird das verwechselt, ist es normalerweise kein Problem, wird vielleicht nicht einmal gemerkt. Verwechselt man die entsprechende chinesische Konstruktion, wird man nicht verstanden.

Hat man all das gelernt, wird einem erschreckend klar, dass vieles im Alltagsgebrach dann einfach weggelassen wird, sich aus dem Kontext ergibt oder Regeln komplett gebrochen werden. Auch Chinesen können das manchmal nicht erklären, sondern wissen nur, dass es richtig ist.

Die Grammatik erscheint leicht, ist es aber für Lernende nicht.

Verkehr

Mir ist aufgefallen, dass ich noch überhaupt nichts zur Verkehrssituation in Peking geschrieben habe und dabei ist das sicher eines der Dinge, die dem ordnungs- und sicherheitsliebenden Deutschen als erstes auffallen werden. Ich sage es ganz ohne Übertreibung: Die Situation ist nicht einfach nur schlimm und lebensgefährlich, sondern das blanke Chaos.

Kommt man hier her, glaubt man zunächst einmal, dass eigentlich gar nicht bei Rot angehalten wird, was so aber nicht stimmt. Die Autos, die geradeaus fahren wollen, halten sehr wohl an, jedoch können weiterhin einige sowohl nach links, als auch nach rechts abbiegen. Da die Straßen sehr breit sind, ist es als Fußgänger schwierig zu erkennen, was nun dabei Abbiegespur ist. Wo darf nun noch gefahren werden und wo wird vermutlich angehalten? Außerdem wird so schnell von Grün wieder auf Rot geschaltet, dass man eh fast immer bei Rot über die Straße geht. Bei den abbiegenden Autos kann man manchmal einfach nur hoffen, dass sie vor einem anhalten, wenn man ein Stück zu weit gegangen ist. Manchmal muss man auch inmitten der Straße stehenbleiben, wobei hinter und vor einem Busse und Lastwagen vorbeirauschen.

Auf kleineren Straßen allerdings geht bei Überfüllung dann auch dieses letzte bisschen Ordnung durch rote Ampeln verloren und jeder fährt wie er möchte. Falls es eng wird, hupt man und fährt dann einfach. Oder fährt einfach los und hupt dabei. Vor allem Busse und Taxis benutzen die Hupe dabei oftmals nicht in einer noch einigermaßen gesitteten Art und Weise, also mal kurz draufdrücken, sondern permanent über mehrere Sekunden. Selbst wenn genug Platz da ist, wird gehupt. Prävention, dass auch ja keiner da noch vorbei will. Die Hupe ersetzt auch in vielen Fällen den Blinker.

Erschwert wird all das durch die zahlreichen Fahrradfahrer. Ich bin schon länger auch einer von diesen, benutze das Rad aber jedes Mal mit mulmigem Gefühl im Magen. Die Straßen sind verhältnismäßig gut fürs Fahrradfahren ausgebaut, denn es gibt auf beiden Seiten immer eine extra Fahrradspur. Natürlich wird auch diese manchmal einfach von hektischen Autofahrern zum Überholen mitbenutzt, Busse halten darauf an und Taxis stehen darauf, um auf Fahrgäste zu warten. Zwar ist es eigentlich nicht erlaubt mit dem Fahrrad auf der linken Fahrradspur zu fahren, getan wird es natürlich trotzdem. So kommen einem also auch Fahrräder entgegen, wobei ich bisher noch nicht ein einziges Fahrrad mit Licht gesehen haben. Nicht eins.

Mittlerweile habe ich mich an all das einigermaßen angepasst und fahre auch zwischen den im Stau stehenden Fahrzeugen hindurch, nutze blockierte Kreuzungen auch bei Rot und überhole bereits anfahrende Busse, wenn es so aussieht, als könnte ich es schaffen. Tut man all das nicht, kann es passieren, dass andere Fahrradfahrer einem hinten rein fahren oder man wird, so wie ich letztens, einfach von Autos “angeschoben”.

Ich habe auch bereits erlebt, wie eine Fahrradfahrerin an einer Kreuzung von einem Auto umgefahren wurde, wobei sie allerdings gerade nicht auf ihrem Rad saß. Ihr ist nichts weiter passiert, der Autofahrer hat sich daraufhin aber nicht einmal bemüht, aus dem Auto auszusteigen und wollte einfach weiter fahren. Die Fahrradfahrerin hat sich nun direkt vor das Auto gestellt, um sich zu Recht lautstark zu beschweren. Das ging dann eine Weile so, bis das Auto doch noch irgendwie an ihr vorbei kam und weiterfuhr.

Es stellt sich bei mir nun die Frage, ob das alles daran liegt, dass hier in der Öffentlichkeit schlichtweg zu wenig Rücksicht genommen wird oder ob es – schlau gesagt – systembedingt die schiere Masse an Verkehrsteilnehmern ist. Ersteres ist nicht gerade abwegig. Ich habe schon von mehreren Stellen die These gehört, dass Chinesen zwar überaus freundlich und rücksichtsvoll zwischen Familienmitgliedern, Freunden und unter bloßen Bekannten sind, dieses in der anonymen Öffentlichkeit aber vollkommen fehlt. Auf jemanden, den man nicht kennt, muss auch keine Rücksicht genommen werden. Eine sicher beobachtenswerte Angelegenheit.