Leute, die vorher noch nichts mit der Sprache zu tun hatten, dann aber überlegen, ob sie sie nicht vielleicht lernen möchten, werden oft – insbesondere durch das Internet – mit Vorurteilen konfrontiert, die so nicht stimmen oder zumindest zu kurz greifen. Ich werde versuchen, ein paar davon zu erklären, zu widerlegen oder diese auch bestätigen, wenn ich selbst auch den Eindruck habe, dass sie stimmen.
1. Chinesisch ist für Westler unlernbar / zu schwierig
Das ist definitiv falsch. Zwar ist es für Leute, die bisher nur mit den europäischen Sprachen zu tun hatten, schwieriger als für Asiaten, Chinesisch ist aber erlernbar wie jede andere Sprache auch. Das ist offensichtlich, denn es existieren deutsche Lehrer, die Chinesisch unterrichten.
Man braucht jedenfalls kein besonderes Talent, um damit anzufangen. Spaß am Sprachen lernen und, gerade aufgrund der Schriftzeichen ist aber Fleiß schon nicht unangebracht. Vor allem ist zu bedenken, dass man jedes noch so kleine Wort neu lernen muss, weil keine Verwandtschaft zu unserer Sprache besteht. Ähnlichkeiten wie zwischen “tomato” und “Tomate” gibt es nicht. Das Ding heißt da “xihongshi”. Die paar phonetischen Übersetzungen wie “yimeier”, was fast wie “E-Mail” klingt, helfen nicht wirklich. Fest steht: Es dauert viel viel länger Chinesisch zu lernen, als eine europäische Sprache.
Schwierig, aber zu schaffen.
2. Die Grammatik ist einfach
Ein schwieriger Punkt. Theoretisch und aus linguistischer Sicht ist sie das wohl, aber hier ist nun wieder der Blickwinkel wichtig. Wenn ich von einer Sprache wie dem Deutschen, mit sehr vielen strikten Regeln ausgehe und genau an eine solche Art von Regeln gewöhnt bin, ist das sehr verwirrend plötzlich nicht mehr diese Regeln zu haben. Anfangs freut man sich darüber, dass es keine Deklination, keine grammatischen Unterschiede zwischen männlich und weiblich, scheinbar einfache Bildung von Zukunft und Vergangenheit, im Prinzip immer die selbe Satzkonstruktion usw. gibt.
Später findet man sich dann aber in der Situation wieder, diese Regeln gerne zu haben, um mit seinen Sätzen auch tatsächlich richtig zu liegen. Da es alles so anders ist, kann man nicht einfach vom Deutschen aufs Chinesische schließen. Man fängt an zu vermuten, probiert herum und kommt an Konstruktionen, die doch nicht so einfach sind. Die Betonung wird durch verschiedene Stellungen der Wörter im Satz geändert und die einfache Satzkonstruktion ist dann plötzlich doch nicht mehr einfach. Will man eine Frage bilden, weiß man theoretisch, dass das gemacht wird, indem man “einfach” ganz hinten “ma” anhängt, tut es aber nicht, sondern hebt die Stimme, so wie man es im Deutschen tun würde, um eine Frage zu stellen. Funktioniert so aber nicht. Man sagt sich immer wieder frustriert: “Wieso mache ich es nicht so, wie ich es gelernt habe?”
Man lernt wie man Passivsätze bildet und lernt gleichzeitig, wann man sie nicht bilden darf. Man lernt, wie man Objekte voranstellt, wann man das tun muss, wann man das nicht darf. Vieles davon Dinge, die uns unbekannt, dadurch völlig neu und manchmal unverständlich sind.
Man entdeckt, dass es doch verschiedene Möglichkeiten der Vergangenheitsbildung gibt (了 vs. 过 vs. 是..的), die man zwar im Prinzip erklären kann, die jedoch bezogen auf das Deutsche keine sonderliche Rolle spielen. So ist es wichtig, ob man einfach nur etwas getan hat, oder ob man eine “Erfahrung” gemacht hat. Man erkennt, dass der Fokus der Chinesen häufig auf der Richtung und dem Sprecherstandpunkt liegt. “Hinübergehen” (走过去) und “Herübergehen” (走过来) ist für uns fast gleich. Wird das verwechselt, ist es normalerweise kein Problem, wird vielleicht nicht einmal gemerkt. Verwechselt man die entsprechende chinesische Konstruktion, wird man nicht verstanden.
Hat man all das gelernt, wird einem erschreckend klar, dass vieles im Alltagsgebrach dann einfach weggelassen wird, sich aus dem Kontext ergibt oder Regeln komplett gebrochen werden. Auch Chinesen können das manchmal nicht erklären, sondern wissen nur, dass es richtig ist.
Die Grammatik erscheint leicht, ist es aber für Lernende nicht.
3. Die Schriftzeichen stellen Bilder dar
Der Klassiker. Das ist zum allergrößten Teil falsch. Einige wenige wie “Berg” (山) oder “Mitte” (中) tun dies. Die meisten Schrifzeichen sind aber nicht als Bilder zu erkennen und bestehen aus verschiedenen Teilen, die eine Bedeutung haben können oder nicht. Erkennen kann man das nicht. Man muss es für jedes einzelne lernen. 猜 besteht aus “Hund” und “grün”, bedeutet dann aber “raten, vermuten”. Je mehr man lernt, desto schneller geht es aber, neue Zeichen zu lernen.
4. Jedes Schriftzeichen hat eine Bedeutung und ist ein Wort
Bis auf die rein grammatisch benutzten Zeichen stimmt das mit der Bedeutung sogar. Allerdings sind die Zeichen dann noch längst keine Wörter. Meistens bestehen Wörter aus zwei, manchmal aus drei, manchmal aus mehr Zeichen. Wörter mit einem Zeichen gibt es auch, diese sind aber seltener. Oft ist es so, dass zwei unterschiedliche Zeichen gleicher Bedeutung (!) ein Wort bilden. So z.B. 游泳 (beides “schwimmen” aber erst zusammen das offizielle Wort für “schwimmen”).
5. Aus den Schrifzeichen lässt sich ablesen, wie es ausgesprochen wird
Jein. 马, 吗, 玛, 妈, 骂 werden alle “ma” ausgesprochen. Das hilft zwar, aber den richtigen Ton weiß man dann immer noch nicht. Oft liegt man aber auch falsch: 冯 ist zwar kein wichtiges Zeichen, heißt aber trotzdem “ping” und 麻 ist ebenfalls “ma”. So muss man also doch wieder jedes einzeln lernen. Auf die Dauer bekommt man aber ein Gefühl dafür und vermuten zu können ist immerhin besser als gar nichts.
6. Wenn man den richtigen Ton nicht trifft, wird man nicht verstanden
Die verschiedenen “ma”s werden oft als Beispiel benutzt. 马 heißt “Pferd” 妈 ist die Mutter und 吗 ein grammatischer Fragepartikel. Alles ist “ma” mit unterschiedlichen Tönen. Der Anfänger ist schockiert und fragt sich, wie man das jemals lernen soll. In der Praxis spielt das nur in seltenen Fällen eine Rolle, eben weil die meisten Wörter aus zwei Zeichen bestehen und eher aus dieser Kombination als aus den passenden Tönen die Bedeutung erfasst wird. Mir fallen gerade nur zwei wirklich problematische Fälle ein: mai im dritten Ton ist “kaufen”, im vierten Ton “verkaufen”. yanjing mit jing im fünften ist “Auge”, im vierten “Brille”. Das Problem besteht erst darin, dass diese beiden von ihrer Bedeutung her eng zusammenhängen und beide die gleiche Wortart besitzen, d.h. an der gleichen Stelle im Satz stehen können. Erst dann besteht Verwechslungsgefahr und das kommt in nur wenigen Fällen vor.
Natürlich ist es aber leichter für den Chinesen gegenüber zu verstehen, was man sagt, wenn man die Töne richtig benutzt. Also auch wieder lernen. Danach reicht es aber, denke ich, wenn man sich einigermaßen Mühe gibt. Viel wichtiger als die Töne ist es, die Wörter an der richtigen Stelle im Satz unterzubringen und seinen Wortschatz auszubauen.
So, nun hoffe ich nur, dass das nicht allzu langweilig, lang und ermüdend war und dass es vielleicht irgendwann jemand findet und sowohl als interessant als auch hilfreich erachtet. Ich find’s spannend.
Hi,
Du sprichst mir aus der Seele. Ich lerne mittlerweile seit einem Jahr Chinesisch, allerdings hier in Deutschland und gehe permanent durch Höhen und Tiefen. Manchmal denke ich, das es doch schon ganz gut klappt, dann treffe ich wieder ein paar Chinesen, die sich untereinander unterhalten und verstehe wieder nullkommanix. Gerade die Sache mit den Tönen finde ich schwierig (hui2 und hui4 … ), mit qu4 und lai2 hatte ich auch schon zu tun. Na ja, den Mut nicht verlieren und immer weiter lernen. Ich wünsche Dir jedenfalls frohe Weihnachten. Habt IHR wenigstens Schnee ?
Ja, gerade Hörverständnis scheint die allergrößten Probleme zu machen, weil die Wörter alle sehr kurz sind und vieles ähnlich klingt. Ich kann dir nur raten so viel wie möglich zu hören. Also CDs/MP3s besorgen und so lange hören, bis es dir auf die Nerven geht oder du es komplett verstehst und nachsprechen kannst. chinesepod.com ist auch sehr klasse.
Schnee gibt es in Peking leider überhaupt nicht. Die Temperatur reicht dafür zwar locker, aber es gibt hier keinen Niederschlag. Frohe Weihnachten ebenfalls!
ad 4): Das hat sich aber wohl erst im modernen báihuàwén (白话文/白話文) so entwickelt, indem zu Wörtern, die im Gegensatz zum Wényánwén (文言文) zu Homophonen geworden waren, weitere Silben hinzugefügt wurden. Und da ein Zeichen einer Silbe entspricht, kam dann natürlich auch ein Zeichen hinzu. Was sind “rein grammatisch benutzte Zeichen”? Sowas wie Pronomen und Partikel, also zum Beispiel 的? Kann man im Deutschen von Präpositionen und ähnlichem natürlich auch sagen …
ad 2): Die Grammatik ist anders, keine Frage. Daß sie einfach sei, gilt natürlich für die nicht-existierende Formenlehre, da Chinesisch eine nicht-flektierende Sprache ist. Aber das wird locker dadurch ausgeglichen, daß man sich schon jeden einzelnen Wortstamm merken mußt, weil es keine Analogien zu europäischen Sprachen gibt. Aber der Gebrauch der Partikel etc. wird schon schwierig sein, denke ich. Und im allgemeinen gilt ja auch, daß Sprachen mit einfacher Grammatik eine hochkomplexe Idiomatik haben. Bestes Beispiel: Englisch. Ist das im Chinesischen auch so?
Naja, immerhin hat Hochchinesisch (Baihua) eine festgelegte und bekannte Grammatik. Bei klassischen Texten ist ja selbst bei hochstudierten Leuten oft Rätselraten angesagt. Vgl. Wikipedia:
Zur Aussprache: Weiß jemand, ob es eine CD zu “Praktisches Chinesisch” gibt, und wenn ja, wo man die bekommt?
Uh, Klassik. Das ist natürlich ein ganz spezielles Thema. Die Zweisilbigkeit an sich bestand aber bereits bevor 白话文 zum Schreiben benutzt wurde. Meine Abhandlung hier bezieht sich mehr auf die gesprochene als auf die geschriebene Sprache.
Ja, als “rein grammatisch benutzte Zeichen ohne Bedeutung” gelten für mich neben 的 auch noch z.B. 地, 得, 过, (als Partikel natürlich!) 把, natürlich mein allerliebstes 了 usw.
Die alle kann man nicht einfach isoliert übersetzen.
Das mit der Idiomatik ist sehr wohl ein Problem. Wie gesagt werden gerade in der gesprochenen Sprache ständig Regeln gebrochen und in meinen geschriebenen Texten steht nach der Korrektur auch ganz gerne mal “不太道地” (nicht besonders authentisch/idiomatisch) nebendran, selbst wenn die Grammatik völlig richtig ist.