Durch EastSouthWestNorth bin ich wiederum auf einen momentan wohl weitläufig im chinesischsprachigen Internet herumlaufenden Artikel mit dem Titel “西方媒体应当如何面对改革中的中国” (Wie sollten die westlichen Medien China innerhalb der Reform begegnen?) aufmerksam gemacht worden. Dieser wurde von einem Herrn Li geschrieben und auf seine Bitte auf der Seite der BBC veröffentlicht. Gibt man den Titel einfach bei Google ein, erhält man sagenhafte 18.000 Treffer. Er scheint sich also wirklich schnell verbreitet zu haben, wenn man betrachtet, dass er gerade erst am 2.9. veröffentlicht wurde.
Ich kann mir zum Glück die Übersetzungsarbeit sparen, denn ich weiß ja, dass alle meine Leser sehr gut Englisch können und verweise deshalb direkt auf die Übersetzung von EastSouthWestNorth.
Der Artikel ist wirklich äußerst gut geschrieben und beinhaltet sehr viel Wahres. Wie man sich anhand des Titels schon denken kann, kritisiert Herr Li die einseitige Berichterstattung westlicher Medien über China und weist auf drei grundlegende Missverständnisse der westlichen Medien, aber auch der westlichen Beobachter hin:
- Der Westen glaubt, China habe eine diktatorische und totalitäre Regierung die zwangsläufig von der eigenen Bevölkerung gehasst werden müsse.
- Der Westen glaubt, dass Dissidenten im Exil oder Gegner der Regierung die chinesische Bevölkerung repräsentieren würden.
- Der Westen hat nicht verstanden, dass die repräsentativen und einflussreichen Stimmen aus Chinas Mittelklasse und von den Intellektuellen kommen, die sich durch die Öffnung überhaupt erst bilden konnten.
Demnach hat die Regierung durch die ökonomischen Erfolge Chinas seit der Öffnungspolitik tatsächlich große Unterstützung in der Bevölkerung gefunden.
Es lohnt sich wirklich, dieses Essay einmal zu lesen und es sind noch deutlich mehr sehr gute Argumente darin zu finden. Dennoch muss er zwangsläufig seine Wirkung verfehlen, den er ist in Chinesisch geschrieben. Allein dass er auf der Seite der BBC steht, hilft ihm da überhaupt nichts. Aber selbst wenn er in Englisch auf der englischen BBC-Seite stehen würde, es wäre egal. Über China wird im Moment hier nicht mehr berichtet, weil es bereits zu viel war in den letzten Monaten. Sättigung ist eingetreten.
Aber ich möchte gerne im nächsten Posting auf andere Missverständnisse hinweisen. Missverständnisse der Chinesen gegenüber dem Westen. Diese kann man nämlich auch klar in dem Artikel Herrn Lis und auch in den Kommentaren dazu erkennen.
Ich muss zugeben, den Essay jetzt nicht gelesen zu haben. Aber eins möchte ich doch hier los werden: Es ist nicht nur das Problem China vs. Westen, sondern haben wir nicht generell eine absolute verzerrte Weltansicht von allem?
In Florida im Disneyland wird Deutschland, als Lederhosenträger und Schweinshaxen-Essender Mitteleuropäer dargestellt. – Das sind wir aber nicht. Das ist auch nur ein kleiner Teil, trotzdem repräsentiert uns Bayern (bzw. ihre Trachten) weltweit. So auch das Problem Chinas mit denen im Exil lebenden Chinesen. Die Medien können heute tun und lassen was sie wollen, wir werden immer ein anderes Bild der Dinge serviert bekommen, als wir es erleben würden, wenn wir direkt vor Ort wären.
Wie du ja auch bereits angekündigt hast hat auch China gewisse Ansichten von dem Westen, welche nicht immer der Wahrheit entsprechen. Ich finde es ist kein China-West-Konflikt, sondern ein generelles Problem der Medien von Heute. Polarisierung und die daraus resultierenden Konflikte verkaufen sich gut, nicht das tagtägliche Einerlei und Harmoniegesülze. Nebenbei bedienen gewisse Medien auch gewisse Kundschaft. Ein FAZ-Leser will in den Berichten keine Pro-SPD Haltung lesen, sondern will wissen was die konservative Führungselite in diesem Land alles besser macht als die Sozis!
Journalistenbashing ist ja immer gut und schön, aber man sollte auch wirklich festhalten, dass wir doch auch das lesen wollen was wir lesen. Zugegeben – es verfehlt das Ziel der objektiven Berichterstattung, aber von der sind wir eh weit entfernt. Meistens macht es doch heute die Vielfalt. Erst wenn ich zu demselben Thema x-verschiedene Artikel gelesen habe, kann ich mir eine eigene Meinung bilden und das zusammenführen, was zusammengehört. Auch hier ist es schwer, weil hier auch die beiden falschen Informationen zusammengeführt werden können, aber eine andere Möglichkeit sehe ich im Moment nicht. Es muss über die Vielfalt des Angebotes laufen, nur leider hat dazu kein Mensch die Zeit.
Tja, da kann ich eigentlich auch nur voll zustimmen. Bei mir ist es ja auch ähnlich. Ich würde z.B. nicht die taz lesen, obwohl mir das vielleicht tatsächlich einen größeren Überblick verschaffen würde, als nur in die SZ reinzugucken. Aber man ist da ja schon allein zeitlich begrenzt und wählt offensichtlich wirklich immer das, was auch am nächsten an der eigenen Einstellung liegt. Die Welt-Online-Artikel z.B. finde ich oftmals auch echt unerträglich.
Von einer objektiven Berichterstattung sind wir in der Tat recht weit entfernt. Ich kann mir selbst ja nicht einmal vorstellen, wie “objektive Berichterstattung” eigentlich aussehen könnte. Aber gerade deshalb sollte man vorsichtig mit dem Urteil über Medien in China sein. Es ist ja nicht so, dass die Leute da überhaupt keinen Zugriff auch auf ausländische, kritische Berichte hätten. Trotzdem aber ist das Land noch nicht in totales Chaos versunken und das muss ja einen Grund haben. Und der ist nach Herrn Li wirklich einfach: Die Regierung ist eigentlich ziemlich beliebt. Nicht bei allen, sicher. Aber das ist ja bei uns auch nicht anders.
Hey,
Bin neu hier und moechte nur mal allen Hallo sagen
Tja, das war’s auch schon wieder… Tschuess!