Archiv für Februar 2009

Krise und Chance im Chinesischen

Schon mehrfach habe ich solche und ähnliche Aussagen gelesen:

Im Leitartikel unter dem Bild gibt Gao Zhikai, der Direktor des Chinesischen Verbands für internationale Studien, eine aktuelle Deutung des Umstands, daß der Begriff „crisis” im Englischen einfach nur „Krise” meint, während „weiji” auf Chinesisch sowohl „Krise” als auch „Chance” bedeutet. Was aus diesem Unterschied kulturell und geopolitisch folgen mag, bleibt im Raum stehen. (Quelle: FAZ.net)

Das chinesische Wort für “Krise” lautet 危机. Im Wörterbuch gibt es dazu folgende Übersetzungen:

W. Fuchsenberger:

Oder auch bei Wenlin:

危机[-機] ¹wēijī* n. crisis | Zhōngdōng hépíng chūxiàn ∼. Crisis has appeared in the Middle East.

“Chance” ist in beiden Fällen nicht zu finden. Wie kommt also Herrn Siemons von der FAZ auf solch eine kühne Behauptung?

Es liegt erstens an einem grundsätzlichen Missverständnis der chinesischen Sprache. Bekannt ist, dass 危机 Krise bedeutet, was auch stimmt. Außerdem ist klar, dass 机会 Chance oder Möglichkeit bedeutet, was ebenfalls stimmt. Wie man sieht, ist das erste Zeichen der Chance genau dasselbe wie das zweite Zeichen der Krise. Die logische Schlussfolgerung wäre also tatsächlich, dass Krise eine Kombination aus Krise oder Gefahr, was das erste Zeichen 危 andeutet, sowie Chance sei.

Die chinesische Sprache folgt aber nicht dieser Logik. 危机 ist ein Wort zusammengesetzt aus zwei Zeichen. Es lässt sich nicht einfach aufspalten in 危 und 机, die dann ihrerseits auch Wörter wären. Das funktioniert zumindest in diesem Fall nicht, denn 机 alleine bedeutet eben nicht Chance. Nur in Kombination mit 会 tut es das. 机 alleine kann im Chinesischen zahlreiche Wörter je nach Zusammenstellung mit anderen Zeichen bilden, ihm aber die alleinige Bedeutung “Chance” zuzuschreiben ist schlichtweg falsch.

Dahinter steckt aber nicht nur ein linguistisches Missverständnis, sondern wahrscheinlich auch interkultureller Esoterik-Hokuspokus. Die Vorstellung, dass eine Krise zugleich eine Chance sei und sich das auch noch in der Sprache widerspiegelt ist schön, interessant und andersartig. Übertragen wird diese falsche Vorstellung dann sogleich auch noch auf die Kultur selbst. Das chinesische Verständnis der “Krise” wird gleich komplett umgedeutet, als wenn Chinesen Krisen als positiv betrachten würden. Geistesgeschichtlich passt diese Vorstellung dann zu guterletzt auch noch wie angegossen. Yin und Yang wechseln sich ja bekanntlich genauso in ihrer Wirkung ab, wie Krisen und Chancen und der Daoist setzt sich auch bei der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren schweigend auf seinen Berg und wartet vor sich hinmeditierend fest überzeugt auf die Chance. Auf die Chance dass seine Commerzbank-Aktien doch wieder steigen.

Literatur: