Die Debatte: Internet, Selbstbediensungsladen des Wissens?

Führt das scheinbar unendliche Wissen des Internets dazu, dass der Mensch immer mehr davon ansammeln will? Wird die Jagd nach Informationen zur gesellschaftlichen Pflichtübung des 21. Jahrhunderts?

Zu einer Debatte zu genau diesem aktuellen Thema treffen sich mein überaus geschätzter Kommilitone Kim und ich zugleich auf seinem Weblog bei kimbjoernbecker.de und hier bei mir. Heute gehen wir der Frage nach:

Selbstbedienungsladen des Wissens – erhöht das Internet die Erwartung, immer alles wissen zu müssen?

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Nein, denn der Mensch ist für sich selbst verantwortlich – auch im Netz

Von Kim-Björn Becker

Manche Geschäfte haben keine Ladenschlusszeiten. Das Internet ist eines von ihnen. Menschen nutzen es zum Einkaufen, zur Unterhaltung und vor allem zur Information, zur Erweiterung ihres Wissens. Sie tauschen diese Waren für die Aufmerksamkeit, die sie dem neuen Medium entgegenbringen und ihre Währung ist deshalb so viel wert, weil ihre Aufmerksamkeits-Ressourcen begrenzt sind.
Die ständige Präsenz des Internets, die Möglichkeit, über Breitband-Flatrates vierundzwanzig Stunden am Tag online sein zu können, ist verführerisch. Der Mensch ist von Natur aus ein Nutzenmaximierer, ein homo oeconomicus. Dass er die neue Quelle Internet für seinen Wissensdurst extensiv nutzt, kann also kaum überraschen. Dennoch interpretieren manche einen gesellschaftlichen Zwang hinein. Sie sagen, die Möglichkeit der Informationsgewinnung erzeuge den gesellschaftlichen Druck, es auch zu tun. Um mitreden zu können. Der Mensch ist für sie nicht nur ein homo oeconomicus, er ist auch ein animal sociale und will nicht isoliert sein. Die Grundbemerkung ist durchaus zutreffend, aber wie stichhaltig kann der gesellschaftliche Zwang überhaupt begründet werden? Die Möglichkeit einer zwanghaft-extensiven Nutzung bedeutet nicht, dass man es auch tut. Der Umstand, dass es viele tun, bedeutet nicht, dass es zur gesellschaftlichen Norm wird. Wer in der Funktion des Internets eine Quelle für sozialen Zwang abzuleiten versucht, der sucht den Täter schlicht am falschen Ort.

Der Mensch bleibt auch dann Herr seiner selbst, wenn er vor neuen Möglichkeiten steht. Erstsemester an der Universität lernen in ihren ersten Hochschulseminaren, dass Wikipedia keine zuverlässige Informationsquelle ist. Sie werden stattdessen in die Bibliothek geschickt, um Informationen zu suchen, um Thesen zu fundieren. Wer ein Medium nutzen will, der muss seine Grenzen kennen. Dieser Prozess ist beim noch sehr jungen Internet gerade im Gange und nichts spricht dagegen, dass er weniger erfolgreich verlaufen wird als bei Buch, Zeitung & Co. Kein Journalist, der für glaubhaft gehalten werden will, zieht eine Internetrecherche einem persönlichen Gespräch vor. Solche Google-Suchen können, an der Universität wie im Beruf, ein erster Schritt zu traditionellem Wissen sein, sie können es aber nie vollständig ersetzen. Wer auf profundes Wissen angewiesen ist, und sei es im privaten Bereich, der ist sich dessen bewusst und nutzt das WWW bestenfalls als ersten Schritt zur Informationssuche. Und es gibt überdies ein ausgesprochen fruchtbares natürliches Korrektiv: Wer an einem entscheidenden Punkt einmal ausschließlich auf Instant-Wissen von Wikipedia zurückgreift, wird damit alsbald Schiffbruch erleiden müssen.

Das zumindest gilt so lange, wie traditionelles Wissen nicht komplett durch Wikipedia abgelöst wird. Erst wenn das der Fall ist, wird es kritisch für eine Wissensgesellschaft. Doch der Weg dorthin ist lang und für die wenigen Wiki-Jünger zum Glück sehr steinig. So lange sich die 30-bändige Brockhaus-Enzyklopädie weiterhin Absatz findet, so lange etablierte Tageszeitungen weiterhin gedruckt werden und so lange sich wissenschaftliche Fachzeitschriften über Wasser halten, ist die Wissenswelt noch nicht aus den Angeln gehoben.

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Ja, denn das Internet liefert unbegrenztes Wissen

Von Matthias Schmidt

Ich selbst muss sagen, dass ich bei den meisten Fragen, die im Leben so aufkommen, zunächst einmal im Internet nach Antworten suche. Das Thema ist dabei egal. Berufliches, Privates, medizinische Fragen oder Technik, bei allem ist das Internet meine erste Station zum Suchen. Erschreckend ist, dass ich auch meistens die passenden Antworten finde.

Wozu führt aber dieses potenziell unendliche Wissen, auf das jeder zu jeder Tageszeit, sieben Tage die Woche Zugriff hat?

Ich glaube, es gibt dadurch einen Trend dahingehend, dass Antworten, wie “Das weiß ich nicht”, “Das kann ich nicht” oder “Da kann ich nix machen; damit habe ich keine Erfahrung” nicht mehr gelten. Zu allem kann man mittlerweile den Fragenden auf das Internet hinweisen: “Guck doch im Netz!” Kontakte und Beziehungen sind für viele Fragen mittlerweile nicht mehr nötig. Meistens findet man genauere oder umfangreichere Antworten im WWW.

Das Ganze fördert einen enormen Druck auf den Einzelnen. Ich kann mich nicht mehr einfach damit abfinden, etwas nicht zu wissen oder zu können. Unwissenheit wird sowohl von der eigenen Umwelt, als auch von sich selber nicht mehr akzeptiert. Man könnte ja, man muss eben nur suchen und dann das Gelernte umsetzen.

Solange es nur um Fragen, wie “Wo ist der beste Friseur der Stadt?” oder “Wie mache ich ein leckeres Tiramisu?” geht, ist das alles noch im Rahmen. Diese Fragen zielen auf ganz konkrete und genau umrissene Probleme ab.

Anders wird es aber bei Dingen, die z.B. die eigene Persönlichkeit betreffen und letzten Endes nach Perfektion streben: Wie kommuniziere ich besser bei Sektempfängen? Wie werde ich nicht mehr rot im Gesicht bei Vorträgen? Wie verkaufe ich mich am besten bei Vorstellungsgesprächen? Wie bekomme ich jede Frau rum?

Zu all diesen und noch unendlich mehr Themen gibt es Webseiten, Foren, Podcasts, Chats und Youtube-Videos. All diese Informationen dort suggerieren, dass jeder, egal um welche Frage oder welches Problem es sich handelt, eine Antwort und Lösung auch für seine privaten Probleme im öffentlichen Internet finden kann. Wenn das aber ohne großen Aufwand möglich ist, gibt es für den Einzelnen keinen Grund mehr, sich mit seinen Problemen abzufinden oder sie vielleicht sogar zu akzeptieren – als Teil seiner Persönlichkeit.

Das Internet ist ein wichtiger Aspekt der sogenannten Leistungsgesellschaft. Eigene Probleme lassen sich durch Information lösen. Diese Information ist im Prinzip durch das Internet ständig verfügbar. Man muss sie nur finden und das ist mittlerweile sehr leicht. Und die Gesellschaft selbst fordert es geradezu, dass man das auch tut.

Und jetzt suche ich erstmal weiter im Internet, wie ich mit meinem Handy ins VPN-Netzwerk der Universität komme. Dafür scheint das Netz nämlich bisher tatsächlich noch keine Antwort zu haben…

1 Kommentar zu “Die Debatte: Internet, Selbstbediensungsladen des Wissens?”


  1. 1 -thh

    Meine Erfahrung ist, daß ich zwar viele Informationen im Netz finde, aber nur in der Breite, nicht in der Tiefe – es findet sich vieles, meist aber nur oberflächliches, technische Fragestellungen im weiteren Sinne ausgenommen.

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