Archiv für Juni 2009

Schnelllesen II: Digitales

Lesen am Monitor finde ich persönlich unheimlich anstrengend. Ich drucke längere Texte eigentlich jedes Mal aus, bevor ich sie mir zu Gemüte führe. Alles, was über die übliche zeit.de-Online-Artikel-Länge hinaus geht, muss ich in den Händen halten können, um mich ernsthaft damit zu beschäftigen.

Das Problem, dass es aus verschiedenen Gründen unangenehm ist, Texte am Bildschirm zu lesen, lässt sich zwar durch Schnelllesen nicht beseitigen, aber zumindest doch verkürzen. ;) Man leidet einfach nicht mehr so lange, wenn man schnell wieder fertig ist mit dem Text.

Selbstverständlich kann man die bereits erwähnte Technik mit der Lesehilfe auch am Bildschirm anwenden. Aber es macht sich spürbar schlechter, denn man kann nicht richtig mit dem Stift über den Bildschirm fahren. Zumindest nicht, wenn man nicht so sehr auf Kratzer und Schmierereien auf seinem Anzeigegerät steht.

Es gibt aber eine geradezu revolutionäre Möglichkeit, solcherlei digitale Texte auch am Bildschirm mit Wahnsinnsgeschwindigkeit zu erfassen. Die technische Umsetzung nennt sich “Rapid Serial Visual Presentation” (RSVP). Dabei zeigt der Computer Texte wie ein Teleprompter in Form von ca. einem bis drei Worten hintereinander immer an derselben Stelle des Bildschirms an. Das Prinzip ist so einfach, dass es schon wieder schwierig ist, es in Worte zu fassen. Deshalb gibt es auch gleich ein Video dazu:

Mit dem dort gezeigten Plugin für Firefox lässt sich Internet-Text per RSVP darstellen. Man markiert den Text, den man lesen will und drückt auf “Start”. Die Geschwindigkeit, mit der der Text nun angezeigt wird, kann man regulieren. Falls ihr das ausprobieren wollt, werdet ihr schnell feststellen, dass man überraschend viel versteht. Und das selbst bei etwa 400 Wörtern pro Minute, also dem Doppelten der normalen Lesegeschwindigkeit.

Aber es gibt auch Probleme mit dem Konzept.

1. Es strengt ziemlich an. Da das Programm dem Leser keine Pause lässt, muss er permantent voll konzentriert sein. Schweift man beim “Lesen” gedanklich ab, fliegt der Text an einem vorbei.

2. Das lange Starren auf immer dieselbe Stelle im Bildschirm mit immer demselben Fokus der Augen kann eigentlich gar nicht gesund sein. Würde ich einen Augenarzt kennen, ich würde ihn mal danach fragen… Übrigens habe ich solch ein RSVP-Programm auch für mein Handy ausprobiert. Nach einem wissenschaftlichen Text von 5000 Wörtern, habe ich auch beim normalen Sehen noch für einige Minuten die Umrisse des Handys schemenhaft vernommen, obwohl ich schon längst ganz woanders hingeguckt habe – Etwas beängstigend.

3. Man versteht sehr gut das, was man im Prinzip schon weiß. Bekannte und kurze Wörter sind sehr gut zu erfassen. Aber bei einem völlig unbekannten Text mit Fremdwörtern oder langen, zusammengesetzten wissenschaftlichen Begriffen, hakt es manchmal enorm.

4. Zahlen sind ein großes Problem. Diese sieht man, aber hat keine Zeit, sie in Relation zu anderen zu setzen, weil der Text schon wieder weiter läuft. Damit sind sie nur Zeichen, haben aber keine Bedeutung. Sehr interessant eigentlich für den Hobby-Gehirnforscher: Zahlen werden scheinbar anders verarbeitet, als Wörter.

Fazit: Sehr ausprobierenswert schon allein, weil man sieht, wieviel schneller man eigentlich auch ohne die Software lesen könnte und wieviel man dennoch dabei versteht. Trotzdem ist es für eine ernsthafte Bearbeitung von Texten noch nicht ausreichend. Aber eine Kombination zunächst aus RSVP und dann aus nochmal ganz schnell normal Lesen könnte sinnvoll sein. Online-Zeiungsartikel sind übrigens generell wirklich gut damit anzusehen, weil sie kurz sind und dadurch weniger anstrengend und normalerweise auch keine Fachbegriffe beinhalten.

Schnelllesen I: Gedrucktes

Reading
Creative Commons License photo credit: ZapTheDingbat

Ich habe angefangen, meine Magisterarbeit vorzubereiten. Schon nach meinem bisherigen noch einigermaßen groben Überblick über das Thema hat sich nicht ganz unerwartet ergeben, dass bereits unheimlich viel Material zu meinem Thema publiziert wurde. Alles durchzuarbeiten wird Ewigkeiten dauern. Vielleicht lässt sich aber der Überblick doch etwas beschleunigen, indem ich etwas am ganz Grundlegenden ändere: Meiner Lesegeschwindigkeit.

Ich erinnerte mich zurück an einen Verusch von mir vor ein paar Jahren. Da kaufte ich ein oder zwei Bücher zum Thema Schneller Lesen. Der Versuch ging aber gründlich daneben, denn die Inhalte der Bücher waren zu abstrus. “Flächenlesen” nannte sich das eine, glaube ich. Das Versprechen darin war es, zu lernen, wie man ganze Seiten quasi fotografisch betrachtet und dabei den Inhalt sozusagen automatisch aufnimmt. Ein Prinzip, bei dem man nicht mehr Wort für Wort und Zeile für Zeile, sondern direkt seitenweise lesen soll. Das klappte bei mir aber nicht und dass es überhaupt funktioniert, ist nach meinem bisherigen Kenntnisstand auch umstritten.

Trotz alledem sollte es aber zumindest möglich sein, seine Lesegeschwindigkeit auch bei der herkömmlichen Art des Lesens etwas zu erhöhen. Schon bei Wikipedia werden die Grundprinzipien recht gut dargestellt, mit denen es angeblich möglich sein sollte, seine normale Lesegeschwindigkeit von 200-300 Wörtern pro Minute auf bis zu 1000 Wörter zu erhöhen:

Was behindert die Fähigkeit schnell zu lesen?

  • Eine niedrige Kurzspeicherkapazität.
  • Regressionen – das wiederholte Zurückspringen zu bereits gelesenen Stellen.
  • Wort-für-Wort-Lesen – immer nur ein Wort statt mehreren gleichzeitig erfassen.
  • Zu lange Fixationen – eine Fixation (Augenhalt) muss nur eine Viertelsekunde dauern, während beim Fixationswechsel oftmals eine Sekunde vergeht.
  • (Sub)vokalisieren – das (innere) Mitsprechen der Wörter.

Bisher ist noch nicht geklärt, ob Sub-Vokalisierung überhaupt beseitigt werden kann. Ich jedenfalls verstehe vom Text rein gar nichts, wenn ich versuche, beim Lesen nicht im Inneren mitzusprechen. Die anderen Punkte soll man aber sehr wohl mit Übung verbessern können.

Erleichternd wirkt die Verwendung einer “Lesehilfe”. Das kann ein Finger oder ein Stift sein, mit dem man am Rand oder über den Text fährt, um den Augen zu zeigen, wo sie hingucken sollen. Damit überwindet man die oben erwähnte Regression. Man springt dann nicht mehr so häufig im Text herum. Außerdem kann man damit die Geschwindigkeit bestimmen, mit der gelesen werden soll. Das heißt, ich bewege z.B. den Stift beim Lesen etwas schneller nach unten als nötig. Augen und Konzentration passen sich dann an die höhere Geschwindigkeit an. Es ist so, wie früher in der Grundschule, wo anfangs noch mit dem Finger gelesen wurde. Das wird einem irgendwann zwanghaft aberzogen, obwohl es eigentlich sinnvoll ist.

Das Ganze ist eine Sache der Übung. Anfangs geht bei höherer Geschwindigkeit einiges vom Inhalt verloren. Mit der Zeit soll sich aber das Gehirn daran gewöhnen und es nimmt dann immer mehr Informationen auf.

Ich habe das Gefühl, dass insgesamt sogar jetzt schon mehr hängen bleibt, als bei normalem Lesen, denn ich muss mich einfach besser konzentrieren, wenn ich schneller lese. Und ich komme dadurch nicht in die Phasen, wo ich plötzlich komplett vom Text abschweife und an irgendwelche anderen Dinge denke. Beim Schnelllesen liest man intensiver.

Und beim nächten Mal Teil 2: Texte im Internet :)

Er ist fleißig, aber halt ein bisschen dumm

Den Satz im Titel hört man eigentlich nie. Zumindest nicht ernsthaft gemeint, wenn beispielsweise Eltern die Gründe dafür beschreiben, warum ihr schulpflichtiger Sohn es einfach nicht packt. In umgekehrter Formulierung kommt er aber häufig vor:

Er ist nicht dumm, sondern nur ein bisschen faul.

Oder auch “sehr faul”, “ziemlich faul” oder “fauler als die anderen”.

Nach der Häufigkeit, wie diese Begründung für das schulische Scheitern des eigenen Nachwuchses angebracht wird, dürfte es eigentlich überhaupt keine dummen Menschen geben. Das ist selbstverständlich völlig unrealistisch. Jeder weiß, dass Dummheit existiert und ich spreche hier völlig wertungsfrei von Dummheit – oder mangelnder Intelligenz, wie auch immer man es ausdrücken mag. Selbst die Eltern der faulen Kinder wissen, dass manche Menschen nunmal mehr oder weniger leistungsfähige Gehirne haben – aber das eigene Kind ist selbstverständlich nicht betroffen.

Es ist völlig klar, dass Eltern ihre eigenen Kinder nicht objektiv beurteilen werden. Allerdings bewerten sich Erwachsene ähnlich. Es werden immer Gründe gesucht, die nicht das Offensichtliche preisgeben.

In unserer Gesellschaft ist eben mangelnde Intelligenz ein furchtbares Makel, was jedem äußerst peinlich ist und für das man Ausreden braucht, um es auch nur ansatzweise gesellschaftsfähig zu machen. Fehlende Intelligenz ist sogar eher ein Tabu als Armut. Wer kein Geld hat, kann das zumindest in vielen Fällen offen sagen, aber wer behauptet schon von sich, weit unterdurchschnittlich intelligent zu sein? Und das, obwohl Intelligenz genetisch bedingt ist und nun wirklich niemand etwas dafür kann, wenn er sie nicht hat.

Ein Zustand, der sich aber so schnell nicht ändern wird, denn, und da ist es wieder, das Wort: … Wissensgesellschaft.