Schnelllesen II: Digitales

Lesen am Monitor finde ich persönlich unheimlich anstrengend. Ich drucke längere Texte eigentlich jedes Mal aus, bevor ich sie mir zu Gemüte führe. Alles, was über die übliche zeit.de-Online-Artikel-Länge hinaus geht, muss ich in den Händen halten können, um mich ernsthaft damit zu beschäftigen.

Das Problem, dass es aus verschiedenen Gründen unangenehm ist, Texte am Bildschirm zu lesen, lässt sich zwar durch Schnelllesen nicht beseitigen, aber zumindest doch verkürzen. ;) Man leidet einfach nicht mehr so lange, wenn man schnell wieder fertig ist mit dem Text.

Selbstverständlich kann man die bereits erwähnte Technik mit der Lesehilfe auch am Bildschirm anwenden. Aber es macht sich spürbar schlechter, denn man kann nicht richtig mit dem Stift über den Bildschirm fahren. Zumindest nicht, wenn man nicht so sehr auf Kratzer und Schmierereien auf seinem Anzeigegerät steht.

Es gibt aber eine geradezu revolutionäre Möglichkeit, solcherlei digitale Texte auch am Bildschirm mit Wahnsinnsgeschwindigkeit zu erfassen. Die technische Umsetzung nennt sich “Rapid Serial Visual Presentation” (RSVP). Dabei zeigt der Computer Texte wie ein Teleprompter in Form von ca. einem bis drei Worten hintereinander immer an derselben Stelle des Bildschirms an. Das Prinzip ist so einfach, dass es schon wieder schwierig ist, es in Worte zu fassen. Deshalb gibt es auch gleich ein Video dazu:

Mit dem dort gezeigten Plugin für Firefox lässt sich Internet-Text per RSVP darstellen. Man markiert den Text, den man lesen will und drückt auf “Start”. Die Geschwindigkeit, mit der der Text nun angezeigt wird, kann man regulieren. Falls ihr das ausprobieren wollt, werdet ihr schnell feststellen, dass man überraschend viel versteht. Und das selbst bei etwa 400 Wörtern pro Minute, also dem Doppelten der normalen Lesegeschwindigkeit.

Aber es gibt auch Probleme mit dem Konzept.

1. Es strengt ziemlich an. Da das Programm dem Leser keine Pause lässt, muss er permantent voll konzentriert sein. Schweift man beim “Lesen” gedanklich ab, fliegt der Text an einem vorbei.

2. Das lange Starren auf immer dieselbe Stelle im Bildschirm mit immer demselben Fokus der Augen kann eigentlich gar nicht gesund sein. Würde ich einen Augenarzt kennen, ich würde ihn mal danach fragen… Übrigens habe ich solch ein RSVP-Programm auch für mein Handy ausprobiert. Nach einem wissenschaftlichen Text von 5000 Wörtern, habe ich auch beim normalen Sehen noch für einige Minuten die Umrisse des Handys schemenhaft vernommen, obwohl ich schon längst ganz woanders hingeguckt habe – Etwas beängstigend.

3. Man versteht sehr gut das, was man im Prinzip schon weiß. Bekannte und kurze Wörter sind sehr gut zu erfassen. Aber bei einem völlig unbekannten Text mit Fremdwörtern oder langen, zusammengesetzten wissenschaftlichen Begriffen, hakt es manchmal enorm.

4. Zahlen sind ein großes Problem. Diese sieht man, aber hat keine Zeit, sie in Relation zu anderen zu setzen, weil der Text schon wieder weiter läuft. Damit sind sie nur Zeichen, haben aber keine Bedeutung. Sehr interessant eigentlich für den Hobby-Gehirnforscher: Zahlen werden scheinbar anders verarbeitet, als Wörter.

Fazit: Sehr ausprobierenswert schon allein, weil man sieht, wieviel schneller man eigentlich auch ohne die Software lesen könnte und wieviel man dennoch dabei versteht. Trotzdem ist es für eine ernsthafte Bearbeitung von Texten noch nicht ausreichend. Aber eine Kombination zunächst aus RSVP und dann aus nochmal ganz schnell normal Lesen könnte sinnvoll sein. Online-Zeiungsartikel sind übrigens generell wirklich gut damit anzusehen, weil sie kurz sind und dadurch weniger anstrengend und normalerweise auch keine Fachbegriffe beinhalten.

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1 Kommentar zu “Schnelllesen II: Digitales”


  1. 1 Volker

    Also ich habe das Plug-In mal installiert und ich muss sagen, dass ich es gar nicht so schlecht finde. Ich habe zwar mich unheimlich anstrengen müssen, aber ich habe einen SPIEGEL Artikel so schnell gelesen und verstanden wie noch nie. Vorallem habe ich ihn auch zu Ende gelesen, was oft nicht passiert. Die Sache mit den Zahlen, da hast du vollkommen recht Matthias, ist wirklich nicht machbar. Aber wenn man sich ein paar Zahlen im Nachgang nochmal reinzieht, spart das trotzdem Zeit.
    Wie das mit wissenschaftlichen Texten ist kann ich nicht beuerteilen, weil ich es noch nicht ausprobiert habe.

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