Archiv für August 2009

Der Suppenkaspar in Chinesisch

Dort habe ich eine Neuerwerbung gemacht: Den Struwwelpeter. Aber in Chinesisch!

Der Suppenkaspar, wir erinnern uns noch alle – ein tragische Geschichte um einen Jungen, der es tatsächlich wagt, seine Suppe nicht mehr essen zu wollen. Von Tag zu Tag magert er immer weiter ab. Sein trauriges Ende ist uns allen noch im Gedächtnis. Es ist sicher eine der größten Geschichten unserer Zeit. Eine mutige Kritik an unserer Gesellschaft und Spiegel der Probleme in der Dritten Welt.

suppe

Aber an dieser Stelle liegt mein Fokus vielmehr auf den linguistischen Feinheiten der chinesischen Version dieses Meisterwerks der Literaturgeschichte. Wie sind die Übersetzer an dieses Werk herangegangen? Wie konnten sie die Schwierigkeiten der Reimform des Stückes überwinden?

Das Original können alle, die den Text nicht mehr ganz auf der Zunge haben, beim Gutenberg-Projekt nochmal kurz in Erinnerung zurückrufen.

Und hier ist der Text in seiner chinesischen Übersetzung. Ich gehe ihn Schritt für Schritt durch.

卡斯帕尔年虽幼,
Kǎ sī pà ěr nián suī yòu,
圆圆滚滚像只球。
yuányuán gǔngǔn xiàng zhǐ qiú.
红红脸蛋胖又壮,
Hónghóng liǎndàn pàng yòu zhuàng,
只因大口爱喝汤。
zhǐyīn dàkǒu ài hē tāng.
忽然一天他嘟囊囊:
Hūrán yī tiān tā dū nāng nāng:
我呀再也不喝汤。
wǒ ya zàiyěbù hē tāng.

Aha, der Kaspar wird also schonmal phonetisch übersetzt. Aber im Vergleich zum Original sehen wir schon hier: Der Text ist irgendwie anders. Hier steht, der Kaspar sei trotz seines jugendlichen Alters schon kugelrund. Aber von seinem Alter ist in der ursprünglichen Version gar keine Rede!

In der dritten Zeile wird dann doch tatsächlich erklärt, warum er so kugelrund ist: Weil er seine Suppe so gerne isst. Aber das klingt im Original ganz anders. Dort “aß er die Suppe hübsch am Tisch”. Das könnte auch bedeuten, dass er schon zu diesem Zeitpunkt eher widerwillig seine Suppe täglich löffelte. In der Übersetzung isst er aber gerne Suppe. Es ist geradezu skandalös, wie hier ein Meisterwerk schon in der ersten Strophe verschandelt wurde.

Anschließend folgt, dass er 忽然, also plötzlich, seine Suppe nicht mehr essen wolle. Mit 囊囊 wird ein Reim auf 汤 erzeugt – Das ist nun wieder sehr kreativ und wirklich gut gelöst.

第二天啊看图上,
Dì-èr tiān a kàn tú shàng,
他已不再那么壮。
tā yǐ bùzài nàme zhuàng.
他还不停嘟囊囊:
Tā hái bùtíng dū nāng nāng:
我就不想喝那汤。
wǒ jiù bù xiǎng hē nà tāng.

壮 ist hier das Adjektiv, um den Bub zu beschreiben: stark, kräftig, robust. Das ist er am zweiten Tag nicht mehr. Ich muss neidlos zugeben, dass diese Stelle gut übersetzt wurde. Aber dann!

Im Original: “Ich esse keine Suppe! Nein! / Ich esse meine Suppe nicht! / Nein, meine Suppe eß ich nicht!” – Diese fabelhafte, ins Mark gehende, rhetorisch fabelhafte Wiederholung, die schon beinahe zu einem geflügelten Wort der deutschen Sprache geworden ist, wird mit einem flachen “Ich will diese Suppe nicht essen” übersetzt! Ein Frevel.

第三天啊不用说,
Dì-sān tiān a bùyòng shuō,
卡斯帕尔瘦又弱。
kǎ sī pà ěr shòu yòu ruò.
但是热汤端过来,
Dànshì rètāng duān guòlai,
他呀仍然把手晃:
tā ya réngrán bǎshou huǎng:
就是不想再喝汤。
jiùshì bù xiǎng zài hē tāng.

Am dritten Tag, so erfahren wir, ist er noch dünner geworden. Als die Suppe kommt, will er sie abermals nicht essen. Das ist hier und im Original gleich. Gut! Aber was ist dieses 他呀仍然把手晃? Das verstehe ich einfach nicht. 晃? “Blenden”? Das ergibt einfach keinen Sinn für mich.

第四天啊看这边,
Dì-sì tiān a kàn zhèbiān,
卡斯帕尔像根线。
kǎ sī pà ěr xiàng gēn xiàn.
体重只有一点点,
Tǐzhòng zhǐyǒu yīdiǎndiǎn,
第五天啊上西天。
dì-wǔ tiān a shàng xītiān.

Wir ahnen Schreckliches. Wohin führt diese Geschichte nur…? Im Original, wie auch in der Übersetzung: in den Tod. Immerhin. Am vierten Tag sieht der Kaspar nur noch wie ein Strich aus und wiegt im deutschen “ein halbes Lot”. Die Maßeinheit des Lotes gibt es im Chinesischen nicht und daher haben sich die Übersetzer eines einfachen 体重只有一点点 bedient: Körpergewicht nur noch ein kleines bisschen. Also das ist schon sehr übel und wird der lyrischen Qualität des Gesamtwerks nun nicht einmal ein kleines bisschen gerecht.

Am letzten Tag kommt eine interessante Redewendung: 上西天, sterben, aber wörtlich “in den westlichen Himmel aufsteigen”. War mir neu, passt aber hier wirklich sehr gut. Nicht nur, dass es auch “tot” bedeutet, sondern darüber hinaus ist der Suppenkaspar ja nunmal auch Westler – gewesen.

Ich bewerte diese Übersetzung mit drei von fünf Übersetzungssternen. Einige Stellen sind wirklich schlimm und hätten bei einem solchen Meisterwerk doch besser überdacht werden sollen. Aber die Reime sind gut getroffen und ich gebe einen Bonus, weil es ein Gedicht ist und dadurch recht schwierig: [***__]

Privates im Netz

Dass man intensiv über einen Bewerber recherchiert, komme erst von der Führungsetage an vor, nach dem Durchschnittsbewerber werde allenfalls gegoogelt. Um nach Partybildern zu suchen oder soziale Netzwerke nach unseriösen Kontakten zu durchforsten, dafür fehle den meisten Personalern die Zeit.

… sagt Annette Gerlach, Personalerin bei einem “größeren Unternehmen in der Chemiebranche” auf ZeitOnline.

Endlich sagt’s mal jemand. Diese Panikmache mit privaten Daten im Internet ist doch völliger Unsinn. Kein ernst zu nehmender Personalchef nimmt sich über die normale Zeit, die er eh schon mit den Standard-Unterlagen beschäftigt ist, hinaus noch mehr Zeit, um nach Bewerbern auf sämtlichen Sozialen Netzwerken zu suchen. :)

Viel wichtiger ist aber: Wer im heutzutägigen erstmaligen Bewerbungsalter noch überhaupt keine Spuren im Internet hinterlassen hat, der sollte bei jedem Personalchef erstmal eher seltsam, denn kompetent rüberkommen. Wer aber Profile vorweisen kann, die von Rechtschreibung und interessanten Dingen nur so strotzen, der hat garantiert Vorteile gegenüber all denen, die aus Angst nix von sich preisgeben wollen. (Oder “Schmidt” heißen und dadurch sowieso nicht gefunden werden.)

Und überhaupt, jetzt mal philosophisch da rangegegangen: Wenn ich aufgrund meiner Internetaktivität vor einer Bewerbung tatsächlich abgelehnt werde, erfahre ich diesen Grund am Ende doch sowieso nicht. Damit ist es egal. Ich bewerbe mich wieder und wieder und nochmal und irgendwann stellt mich jemand vielleicht trotz der ganzen Koma-Party-Bilder ein. Auch da erfahre ich aber wahrscheinlich eher nicht, dass derjenige davon wusste. Dann ist es genauso egal.

Was man nicht erfährt, ist eben nicht Teil der eigenen Realität. ;)

Piratenpartei vs. Urheberrecht – Denkt doch mal an die Künstler!!!!

Eins ist sicher …so unsexy wie ihr war in den letzten zwei Jahrhunderten keine Bewegung mit (sozial)revolutionären Zielen: Denn seit der französischen Revolution hatten die Revolutionäre eigentlich stets die große Mehrheit der Künstler auf ihrer Seite, die Musiker, die Schriftsteller und Maler, die Intellektuellen überhaupt. (Einzige Ausnahme: die faschistischen Bewegungen. Was euch vielleicht zu denken geben sollte.) Das heißt natürlich nicht, dass diese Bewegungen erfolgreich waren – aber sie haben mehr Spaß gemacht als die, gegen die sie angetreten sind. [...] Ironischerweise stellt ihr nun genau den einzigen Besitzstand in Frage, den Künstler für sich in der Menschheitsgeschichte erkämpfen konnten: das Urheberrecht. (”Beaumarchais” im Forum der Piratenpartei)

Hehe, sehr schön formuliert. Ich weiß genau, dass es der Partei nicht um die Abschaffung des Urheberrechts geht (wohl aber geht es ums legale Filesharen), aber nachdem ich das Interview mit Florian Bischof, Kandidat der Piratenpartei in Berlin, beim ARD-Netzrauschen gesehen habe, bin ich mir doch jetzt ziemlich sicher: Die Partei hat (noch?) kein echtes Konzept, was das Urheberrecht angeht.

Man muss Herrn Bischof zugute halten, dass das Interview schrecklich geschnitten wurde und eigentlich scheinbar auch kaum Zeit für eine umfassende Antwort blieb, aber trotzdem: die Argumente, die er bringt, überzeugen einfach überhaupt nicht, klingen stattdessen vielmehr nach idealistischem Hokuspokus mit dem Fazit “klappt schon irgendwie”.

Gab es denn trotzdem so etwas wie Argumente? Klar!

  1. Wenn ich Fan bin, finde ich schon Wege, dem Künstler finanziell etwas zugute kommen zu lassen.

    Klar geht das. Aber nicht jeder ist “Fan”. Kein Mensch überlegt sich solche “Wege” für Künstler, die ihm neu sind, in deren Werke er einfach mal reinschnuppern will. Fan werde ich erst, wenn ich schon alles von dem Künstler runtergeladen habe, es mir gefallen hat und ich mehr will. Dann erst gehe ich vielleicht zu seinem Konzert. Aber vorher hat er keinen Cent von mir bekommen. Aber vielleicht gehe ich auch gar nicht, weil er nicht in der Nähe auftritt, oder weil mir einfach nur seine Musik gefällt und mir das reicht und ich auch keine tolle Fan-Zusammestellung mit Extras brauche. Dann kriegt er auch später nix von mir.

    Tipp: Die Piratenpartei sollte sich diese alternativen “Wege” erstmal ausdenken. Und wenn die Ideen gut sind, hey, vielleicht wird das dann nochwas!

  2. Das Zweite ist zu gut, das muss ich direkt zitieren:
    - “Es geht ja eben nicht darum, dass eben frei hier in dem Sinne zu haben, dass man nicht unbedingt was für zahlt. Sondern es geht darum, die Kultur zu befreien… von dieser Fessel des Kommerziellen. Und darunter leiden eben auch Künstler.”
    - “Aber wohin soll die Reise gehen, wenn derjenige, der sich etwas ausdenkt, davon nicht mehr leben kann, von dem, was er da erarbeitet?”
    - “Aber er gibt doch viele Künstler, die können davon leben!”

Ein Meilenstein der Rhetorik und Argumentation. Die Kultur befreien von den Fesseln des Kommerziellen – Mao hätte es nicht besser sagen können. Dass man letztendlich “nicht unbedingt” was dafür zahlt, ist nunmal die Konsequenz von Filesharing. Egal, wie man da rangeht, das Geld, was da nicht bezahlt wird, bekommt der Künstler einfach nicht. Das ist reine Logik. Es gibt andere Wege, ja, aber dieser fällt nunmal dadurch einfach weg.

Im Forum der Piratenpartei sind es nun tatsächlich auch die Künstler selbst, die mit den Forderungen der Piratenpartei nicht einverstanden sind. Zumindest geben einige an, Künstler zu sein. Das wundert mich aber auch nicht, denn hier werden ihre Interessen angegriffen. Die Piratenpartei kann allerdings nicht zugeben, dass sie in diesem Punkt in Wirklichkeit nur die Interessen der Filesharer vertritt, denn sie versucht, ihr Image als Download-Nerd-Partei loszuwerden. Leider überzeugt der Ansatz, sich auch für die Künstler einzusetzen und recht abgehobene Ideen von unbegrenztem Wissen nicht.

Also, schnell ein Konzept überlegen, sonst werden die nächsten Interviews wieder so wie dieses.

Weltrekord

Und nun zum Sport.

Usain Bolt ist gestern abend 100m Wegstrecke in 9,58 Sekunden gelaufen.

Sicher hat das jeder schon gesehen, aber vorsichtshalber gebe ich trotzdem folgenden Link zu beachten: Link.

Listet man die Weltrekorde der Männer auf 100m in einem Diagramm auf und macht das darüber hinaus auch noch übersichtlicher als an jener Stelle, so kommt in etwa so etwas dabei heraus:

weltrekord

Die letzten drei Punkte gehören Bolt. Damit hat er in zwei Jahren die Zeit um so viel verbessert, wie dafür vorher knapp 17 Jahre nötig waren. Irre.

140 Zeichen

(140) Hasse twitter, (125) weil langweilige Dinge (103) da nicht nur langweilig sind, (73) sondern nicht mal versucht wird, (41) sie in ästhetischer Form zu präsentieren (0)

:)