Piratenpartei vs. Urheberrecht – Denkt doch mal an die Künstler!!!!

Eins ist sicher …so unsexy wie ihr war in den letzten zwei Jahrhunderten keine Bewegung mit (sozial)revolutionären Zielen: Denn seit der französischen Revolution hatten die Revolutionäre eigentlich stets die große Mehrheit der Künstler auf ihrer Seite, die Musiker, die Schriftsteller und Maler, die Intellektuellen überhaupt. (Einzige Ausnahme: die faschistischen Bewegungen. Was euch vielleicht zu denken geben sollte.) Das heißt natürlich nicht, dass diese Bewegungen erfolgreich waren – aber sie haben mehr Spaß gemacht als die, gegen die sie angetreten sind. [...] Ironischerweise stellt ihr nun genau den einzigen Besitzstand in Frage, den Künstler für sich in der Menschheitsgeschichte erkämpfen konnten: das Urheberrecht. (“Beaumarchais” im Forum der Piratenpartei)

Hehe, sehr schön formuliert. Ich weiß genau, dass es der Partei nicht um die Abschaffung des Urheberrechts geht (wohl aber geht es ums legale Filesharen), aber nachdem ich das Interview mit Florian Bischof, Kandidat der Piratenpartei in Berlin, beim ARD-Netzrauschen gesehen habe, bin ich mir doch jetzt ziemlich sicher: Die Partei hat (noch?) kein echtes Konzept, was das Urheberrecht angeht.

Man muss Herrn Bischof zugute halten, dass das Interview schrecklich geschnitten wurde und eigentlich scheinbar auch kaum Zeit für eine umfassende Antwort blieb, aber trotzdem: die Argumente, die er bringt, überzeugen einfach überhaupt nicht, klingen stattdessen vielmehr nach idealistischem Hokuspokus mit dem Fazit “klappt schon irgendwie”.

Gab es denn trotzdem so etwas wie Argumente? Klar!

  1. Wenn ich Fan bin, finde ich schon Wege, dem Künstler finanziell etwas zugute kommen zu lassen.

    Klar geht das. Aber nicht jeder ist “Fan”. Kein Mensch überlegt sich solche “Wege” für Künstler, die ihm neu sind, in deren Werke er einfach mal reinschnuppern will. Fan werde ich erst, wenn ich schon alles von dem Künstler runtergeladen habe, es mir gefallen hat und ich mehr will. Dann erst gehe ich vielleicht zu seinem Konzert. Aber vorher hat er keinen Cent von mir bekommen. Aber vielleicht gehe ich auch gar nicht, weil er nicht in der Nähe auftritt, oder weil mir einfach nur seine Musik gefällt und mir das reicht und ich auch keine tolle Fan-Zusammestellung mit Extras brauche. Dann kriegt er auch später nix von mir.

    Tipp: Die Piratenpartei sollte sich diese alternativen “Wege” erstmal ausdenken. Und wenn die Ideen gut sind, hey, vielleicht wird das dann nochwas!

  2. Das Zweite ist zu gut, das muss ich direkt zitieren:
    - “Es geht ja eben nicht darum, dass eben frei hier in dem Sinne zu haben, dass man nicht unbedingt was für zahlt. Sondern es geht darum, die Kultur zu befreien… von dieser Fessel des Kommerziellen. Und darunter leiden eben auch Künstler.”
    - “Aber wohin soll die Reise gehen, wenn derjenige, der sich etwas ausdenkt, davon nicht mehr leben kann, von dem, was er da erarbeitet?”
    - “Aber er gibt doch viele Künstler, die können davon leben!”

Ein Meilenstein der Rhetorik und Argumentation. Die Kultur befreien von den Fesseln des Kommerziellen – Mao hätte es nicht besser sagen können. Dass man letztendlich “nicht unbedingt” was dafür zahlt, ist nunmal die Konsequenz von Filesharing. Egal, wie man da rangeht, das Geld, was da nicht bezahlt wird, bekommt der Künstler einfach nicht. Das ist reine Logik. Es gibt andere Wege, ja, aber dieser fällt nunmal dadurch einfach weg.

Im Forum der Piratenpartei sind es nun tatsächlich auch die Künstler selbst, die mit den Forderungen der Piratenpartei nicht einverstanden sind. Zumindest geben einige an, Künstler zu sein. Das wundert mich aber auch nicht, denn hier werden ihre Interessen angegriffen. Die Piratenpartei kann allerdings nicht zugeben, dass sie in diesem Punkt in Wirklichkeit nur die Interessen der Filesharer vertritt, denn sie versucht, ihr Image als Download-Nerd-Partei loszuwerden. Leider überzeugt der Ansatz, sich auch für die Künstler einzusetzen und recht abgehobene Ideen von unbegrenztem Wissen nicht.

Also, schnell ein Konzept überlegen, sonst werden die nächsten Interviews wieder so wie dieses.

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8 Kommentare zu “Piratenpartei vs. Urheberrecht – Denkt doch mal an die Künstler!!!!”


  1. 1 towo

    Wie ich es schon seit Ewigkeiten propagiere: einen PayPal-Button auf der Seite des Künstlers. “If you like it, send some money along!”

    Kann man sich vielleicht auch noch eine Art Autodiscovery basteln, wo man es dann einfach in den id3-Tags oder ähnlichem integriert und dann direkt aus der Anwendung raus klicken kann. ;)

  2. 2 Flexi

    Nein nein nein.
    Kunst heißt vor allem Verbreitung.
    Ein Künstler kann immer – online wie offline – erst dann Geld verdienen, wenn er moeglichst vielen Menschen bekannt ist.
    Frueher war das Radio dafuer entscheidend, aus dem wir kostenlos aufgenommen haben, heute ist das Internet das optimale Medium dafuer.
    Viele wissenschaftliche Studien belegen, dasz Filesharing den Verkauf nicht hemmt sondern gerade foerdert.
    http://www.golem.de/0906/67852.html
    Man erlebt das zur Zeit regelmäßig bei Youtube.
    Oft geklickte Videos werden anschlieszend zu Hits auf MTV, Viva und Co.
    Und obwohl die Kids von heute keine CDs mehr kaufen moegen, sind sie durchaus bereit, Geld fuer ihre Kultur auszugeben,
    seht euch doch mal um an den Schulen. Es musz immer das teuerste sein, egal, ob bei Mode, Technik oder auch Musik.
    Die Industrie verdient heute mehr Geld mit Klingelton-Downloads als mit CD-Verkaeufen, weil sie an dieser Stelle naemlich verstanden haben, was die Kids wollen.
    (Obwohl man Klingeltoene auch problemlos kostenlos haben koennte…)

    Ok, konkret, ein Beispiel, dasz jeder versteht: “Schnappi, das kleine Krokodil” wurde zu Platz 1 der Verkaufs-Chart nicht “obwohl”, sondern _weil_ es die ganze Zeit kostenlos auf wdr.de zum Download stand.
    Ohne die millionenfachen Downloads waer das Liedchen nie so bekannt geworden. Letzten Endes wird es dann auch massenweise gekauft.

    Kultur musz frei sein, dann kann auch der Kuenstler leben.
    Viele Kuenstler haben laengst gemerkt, dasz sie dank Internet keine Musikindustrie mehr brauchen, um ihre Werke zu verbreiten.
    Klar, dasz sich diese Industrie durch kraeftige Lobbyarbeit dagegen wehrt, ihre Ueberfluessigkeit einfach zu akzeptieren.
    Es war auch die Musikindustrie, die das Thema “Kinderpornographie” ins Spiel gebracht hat, das sollte man wissen.
    http://www.p2pconsortium.com/index.php?showtopic=13933
    Schlimm ist, dasz fuer diese Industrie unsere Grundrechte abgeschafft werden und Millionen von Menschen kriminalisiert werden.
    Fuer mich war die Grenze ueberschritten, als ein englisches Waisenhaus verklagt wurde, weil die Kinder Weihnachtslieder gesungen hatten – statt diese zu kaufen.
    Diese Industrie verdient es, auszusterben.

    Ich bin Pirat.

  3. 3 Thomas Nesges

    In dem Punkt, dass die Piraten vor einigen Künstlern einen schlechten Stand haben, weil es für deren Entlohnung kein wirkliches Konzept gibt, hast du Recht. Allerdings beweisen andere Künstler bereits, dass sie gar keine durch die Politik vorgegebenen Konzepte braucht sondern selbst gute Ideen hat Downloads für sich zu nutzen. Diese Ideen haben sich nur noch nicht durchgesetzt, die Kunstschaffenden hängen noch in ihrer Abhängigkeit von der Musikindustrie fest. Das kann für uns fatal sein, vielleicht sind wir noch zu früh dran – aber irgend wann muss man ja mal anfangen ;)

    Ich hatte vor ein paar Tagen schonmal was dazu geschrieben, das man fast als Antwort auf deinen Artikel nehmen könnte: http://blog.thomasnesges.de/archives/1189-Ihr-wollt-doch-Raubkopieren-legalisieren!.html

    Die Idee, dass die Politik irgend jemandem zu erklären habe, wie er Geld verdienen könnte, finde ich nebenbei gesagt ziemlich pervers.

  4. 4 smiss

    Flexi: Ich, der sich jetzt hier mal als Vertreter der Künstler ausgibt, würde zu diesen sehr wohl einleuchtenden Argumenten sagen: Ja, der Zusammenhang besteht zwischen Bekanntheitsgrad und Verkaufszahlen. Aber eben momentan nur, weil das Urheberrecht NOCH in der derzeitigen Form besteht.

    Wenn wir uns mal vorstellen, wie die Situation aussieht, wenn ich ohne gesetzliche Einschränkungen filesharen kann, dann werden auch ganz neue Fileshare-Systeme, offizielle Systeme entstehen. Dann kann auch Lieschen Müller mit einem Klick, wie bei Amazon, alles downloaden, was sie haben will. Die Fileshare-Aktivitäten werden dadurch so enorm ansteigen, dass dann der Verkaufseffekt durch Bekanntheitsgrad nicht mehr wirkt. Das ist dann zwar ein stetiger, langsamer Prozess, aber einer mit klarer Richtung.

    Wenn jeder um die Legalität weiß und auch die technischen Möglichkeiten dazu hat, die eben erst durch die Legalität wirklich entstehen werden, lädt auch jeder runter. Momentan ist Filesharing eben noch nicht, wie so oft behauptet, totaler Mainstream. Es gibt unzählige Leute, die da technisch immer noch zurückschrecken. Und wenn nicht technisch, dann kommen doch noch die Bedenken, dass das “illegal” sein könnte. Letzteres hat in meinem Bekanntheitskreis sogar auf solche gewirkt, die früher massenhaft Zeug aus dem Netz geladen haben.

    Thomas: Du hast schon Recht, ich glaube auch wirklich daran, dass diese Konzepte und Ideen irgendwo sind, dass manche sie schon erfolgreich erproben. Aber ich glaube, dass der Großteil der Künstler da trotz nachgesagter Kreativität keine große Ahnung hat, wie es auch anders gehen könnte. Die brauchen ein paar Vorschläge. Sonst sind sie verständlicherweise dagegen. Momentan sieht das nach “wir nehmen euch etwas weg, und ihr müsst dann gucken, wie ihr klar kommt” aus.

    Die Politik soll hier nichts diktieren. Es ist mehr für die Piratenpartei selber. Für ihren eigenen Erfolg glaube ich, ist es nötig, dass sie in diesem Punkt die Künstler auf ihre Seite bekommt. Erst dann könnt ihr mit der ganzen Urheberrechtsgeschichte auch Wählergruppen bekommen, die keine Filesharer sind, weil das wirklich überzeugen würde. Auch Lieschen Müller würde dann vielleicht PP wählen, weil sie sich mit den Künstlern solidarisiert, weil das eine gute Sache ist. Und das, obwohl sie keinen blassen Schimmer von torrent und Piratebay hat.

    Ich glaube, viele potenzielle Wähler, die alles andere gut finden, was die PP vorschlägt, werden allein durch den Urheberrechts-Punkt abgeschreckt.

    Daher müsst ihr die Ideen geben und Beispiele aufzeigen. Nicht bloß sagen, dass es da ja Künstler gibt, die erfolgreich sind. Wer denn z.B.? Könnte dieser Werbung für euch machen? Das sind die Fragen. :)

  5. 5 Jens

    “Wie ich es schon seit Ewigkeiten propagiere: einen PayPal-Button auf der Seite des Künstlers.”

    Paypal sollte man nicht propagieren.

  6. 6 Blob

    ”Ich glaube, viele potenzielle Wähler, die alles andere gut finden, was die PP vorschlägt, werden allein durch den Urheberrechts-Punkt abgeschreckt”

    Ja, mich zum Beispiel.
    Wenn ich auf der Piratenseite von treuen Anhängern Sätze lese wie ‘was braucht denn ein Musiker schon zum leben’ krieg ich Schüttelfrost.

  7. 7 Don

    Hallo,
    ich bin Ex-Künstler (im kommerziellen Sinne),Pirat und stimme @smiss zu. Allerdings reduzieren die meisten Kunst auf das Internet. Bei Urheberrechte geht es auch um Verlagsrechte der Künstler, sogar bei Musikern, denn Musik wird immer noch in Form von Noten festgehalten. Das Internet hat die Existenz vieler kleiner Bands aller Colour vernichtet, ebenso das Berufsleben “kleiner” Schriftsteller und Verlage.
    Ein Beispiel, das meine Worte unterstreichen. Wenn ein Unternehmen wie EMI mit 100 Bands Platten produziert, dann machen 97% der Bands Verluste und trotzdem kann EMI auf Millionen Gewinne jedes Jahr verweisen. 3% der Bands erwirtschaften diese Gewinne. Deshalb ist das Argument, wer seine z.B Musik im Internet for free abgibt, würde trotzdem Geld verdienen, haltlos. Die Grossen verdienen, die kleinen sterben. Wenn jetzt einige meiner Partei-Freunde sagen, Statistiken würden etwas anderes behaupten, sind das ähnliche bürokratische und teilweise weltfremde Argumente, wie sie die Parteien gerne vorbringen, denen wir doch Feuer unterm Hintern machen wollen.
    In diesem Punkt kann ich meiner Partei nicht folgen.
    MfG

  8. 8 DM

    Die Beispiele für die Vorteile des (begrenzten!) kostenlosen Zur-Verfügung-Stellens zeigen ja gerade, dass es keines Zusammenstreiches des Urheberrechts bedarf. Außerdem wird gerne unterschlagen, dass der anschließende kommerzielle Erfolg erst möglich wird, weil eben nach geltendem Recht nicht beliebig geshared werden kann.

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