Archiv für Juni 2010

Wer versteht das Wahlsystem nicht?

Vielleicht schon ein bisschen kalter Kaffee, aber mir ist gerade beim Durchgehen der Ergebnisse der letzten Bundestagswahl etwas aufgefallen…

Wie fast jeder weiß, bestimmen die Zweitstimmen das Verhältnis der Sitzverteilung im Bundestag. Die Erststimmen dagegen bestimmen Direktkandidaten, wobei diese nach Mehrheitswahl gewählt werden. Nur der Kandidat mit den meisten Stimmen pro Wahlkreis zieht ins Parlament ein.

Wie auch immer. Aus diesem Grund ergibt es wenig Sinn, seine Erststimme einer kleinen Partei zu geben. Für die Grünen ergibt das immerhin noch in den Großstädten Sinn und auch die Linkspartei ist mindestens im Osten eine gute Erststimmenwahl. Winzige Splitterparteien dagegen haben keinerlei Chance, das Mandat zu holen – Die Stimme verfällt (quasi) damit.

Ich habe nun einmal das Verhältnis zwischen Erst- und Zweitstimmen für die einzelnen Parteien für die Bundestagswahl von 2009 verglichen. Folgende Werte ergeben sich:

wahl09

Die Werte sind nach dem Verhältnis sortiert. Je höher der Wert, desto mehr Erststimmen pro Zweitstimmen hat die Partei erreicht. Ein Wert über 1 bedeutet demnach, dass die Partei mehr Erst- als Zweitstimmen bekommen hat. Bei den großen Parteien CDU (bzw. CSU), SPD und begrenzt auch bei den Grünen und der Linkspartei ergibt ein großer Wert noch Sinn.

Aber die Wähler einer Partei haben es scheinbar nicht begriffen: Die der NPD. Die Wähler haben der Partei mehr Erst- als Zweitstimmen gegeben.

Dass die NPD generell Erststimmen erhält, ist noch einigermaßen nachvollziehbar. Ideologische Gründe sprechen dagegen, dass ein rechtsextremer Wähler aus rein rationalen Gründen Stimmensplitting betreibt, um mit der Erststimme eine systemfreundliche Partei zu wählen.

Aber dass die Partei tatsächlich 20% weniger Zweitstimmen als Erststimmen bekommen hat, ist absolut sinnlos. Das würde bedeuten, ein Teil hat zwar z.B. Linkspartei gewählt, seine Erststimme aber dem lokalen NPD-Vertreter gegeben.

Ich denke, dass kommt entweder durch Unwissenheit ob des Wahlsystems, zweitens durch eine Art “breite Protestwahl” mit Zweitstimme für DVU oder Republikaner oder drittens durch die lokale Präsenz von NPD-Funktionären in den ominösen Gebieten zu erklären. Also z.B. Wähler, die zwar eigentlich Linkspartei wählen wollen, denen aber irgendwie der nette Dorf-Neonazi von dem Wahlkampfstand letzte Woche gefallen hat.

Interessant auch, dass die Piratenpartei ganz oben steht. Der (vermutlich) hohe Bildungsgrad der Piratenwähler erklärt das: Die kapieren’s.