Bis zum 14. Februar wirbt China für sich selbst mit einer massiven Werbekampagne und einem Spot am New Yorker Times Square und im US-Fernsehen. Der einminütige Film richtet sich auch offiziell an das amerikanische Publikum und soll diesem ein „multidimensionales und lebendiges Bild der chinesischen Menschen“ präsentieren (siehe Global Times).
Inhaltlich und bildsprachlich ist dem aber überhaupt nicht so. Der Film zeigt eigentlich nur im Westen völlig unbekannte chinesische Prominente, die nicht mehr tun als herumzustehen. Unterlegt sind die Bilder mit Schlagwörtern, die geradezu aggressiv provozierend auf mich wirken. Chinese Beauty, Chinese Wealth, Chinese Design, Chinese Space Travel… Trotz dieser Erläuterungen bleiben fast alle Personen am Ende nur weiter als grobe chinesische Masse in Erinnerung. Genau das, was der Spot vermutlich aber auflösen will. Vielleicht wäre es hier besser gewesen, sich auf drei oder vier Chinesen zu beschränken und diese etwas ausführlicher darzustellen, statt gleich 60 Personen mit in den Film aufzunehmen.
Die Produzenten haben es darüber hinaus nicht geschafft, eine Bildsprache zu finden, die zum amerikanischen Publikum passt. Es wurde im Film keine im Westen geführte Diskussion über China aufgegriffen und genutzt, die zu einer inhaltlichen Debatte über den Spot führen könnte. Dem Film fehlt es offensichtlich auch vollkommen an Humor. Hier hätten die Produzenten Mut zum Risiko zeigen müssen und China vielleicht einfach mal nicht ganz so ernst nehmen dürfen.
Der Artikel der Global Times (eine regierungsnahe englischsprachige Online-Zeitung) zitiert eine junge Amerikanerin dazu folgendermaßen:
“The layout of the video is quite smart. I like it,” Charlotte Mcguckin, 18, a high school student in New York, told Xinhua, adding that “everyone (in the video) looks happy.”
Punkt. Und das war vermutlich auch alles, was sie dazu sagen konnte. Und genauso langweilig ist der Werbespot ebenfalls.
Sehr interessante Artikel zu dem Thema finden sich übrigens auf:
Der Spiegel titelt diese Woche mit “Chinas Welt – Was will die neue Supermacht?” Der Artikel fasst einige Trends und aktuelle Phänomene in China zusammen, bleibt dabei aber gewohnt oberflächlich und ohne wirklich neue Erkenntnisse. Die Leitfrage, was denn die Supermacht will, wird leider auch nicht auf den Punkt gebracht beantwortet oder die Erkenntnisse sind so banal, dass ich sie nicht einmal herauslesen kann.
Das Bild Chinas ist wie meistens in der deutschen Presse blockartig. Eine Diktatur, die von Hu Jintao geleitet wird. Der Akteur China bestimmt seine Entwicklung von oben herab ohne überflüssige Einschränkungen durch “Demokratie” und “Menschenrechte”. Dadurch ist der Staat deutlich effektiver in der Durchsetzung seiner Politiken. Die Partei mit den Genossen Hu und Wen entscheidet, wo die Reise hingeht. Danach ist sie nicht mehr aufzuhalten.
Nun will ich nicht sagen, dass dieses Bild völlig falsch ist. Es trifft zu einem gewissen Grad und in bestimmten Bereichen sicherlich zu (z.B. Infrastrukturgroßprojekte). In anderen aber eben nicht. Der Artikel verbindet zum Beispiel ein Hafturteil für einen Aktivisten mit den fehlenden Menschenrechten. Dieser Aktivist sammelte Beweise für den Baupfusch bei Schulen in Sichuan vor dem schweren Erdbeben und musste deshalb ins Gefängnis. Da der Artikel aber so oberflächlich bleibt und jeden Aspekt nur kurz abhandelt, könnte man nun denken, Hu Jintao selbst habe hier Einfluss genommen – China beseitigt seine Kritiker.
Dass solcherlei Entscheidungen aber oftmals ganz lokal getroffen werden, dass hier regionale Machtstrukturen und Korruption von einzelnen Kadern auf den unteren politischen Ebenen den Ausschlag geben und es eben oft vielmehr um Einzelinteressen als um “China” geht, das erwähnt der Artikel in keinem einzigen Satz. Er geht von einem Masterplan aus, ein völlig geordnetes System mit Hu, Wen und ihren 1,3 Milliarden Gefolgsleuten. Diese Betrachtungsweise legen die drei Autoren sogar schon mit dem Titelbild offen: Ein doppelseitiges Foto von Fähnchen schwenkenden Chinesen bei der Feier zum 60. Jahrestag. Alle tragen weiße Mützen und richten ihre Fahnen in dieselbe Richtung.
Man muss aber von genau solch einer Vorstellung wegkommen und den Blick vielmehr auf die enorme Unordnung richten, die China ausmacht, und sich dann fragen: Warum funktioniert es trotzdem?
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