Bei Newsweek hat jemand ganz schlecht über meine chinesische Universität und überhaupt den ganzen Chinesisch als Fremdprache-Unterricht geschrieben. Das kann natürlich nicht unkommentiert stehen bleiben.
Die Argumente:
- Language teaching in mainland China is almost uniformly poor, thanks to outdated materials and a wooden, stultifying teaching style.
- Jonathan Noble of the University of Notre Dame says part of the problem is that typical language classes in China are built around memorizing lists of written characters. Speaking practice is often limited; thus, while students gain vocabulary, “they’re not actively thinking about how to use the words in different situations.” As a result, he says, students who stay in the U.S. sometimes gain fluency faster than those who have spent time in China.
- His recipe for fluency is the opposite of the Chinese collegiate method: it stresses listening and speaking, with as little exposure to text as possible, since he says that idles the relevant brain centers.
- Textbooks have their place, but those used in China tend to feature lists and don’t contain enough repetition of basic grammatical patterns—a must-have.
- Students are most likely to stay focused when tackling real-life situations, something few mainland books offer. Instead, they tend to feature a mind-numbing panda chapter, then go on to describe the reproductive habits of the bamboo plant, say, or traditions behind famous dishes. Good luck finding business content or other real-world conversation.
Diese Argumente kommen sehr oft. Der Unterricht muss selbstverständlich auch in China verbessert werden, aber auf keinen Fall würde ich ihn so dermaßen schlecht machen, wie hier geschehen. Ich kenne zwar den Unterricht in den USA nicht, aber bezweifele stark, dass er so enorm besser ist als irgendwo anders auf der Welt, geschweige denn in China. Das Chinesischlevel der US-Amerikaner, die ich in China getroffen habe, war in keinster Weise herausragend. Im Artikel wird Jonathan Noble zitiert, der sogar von “fluent” spricht. Mag sein, dass meine Anforderungen für diesen Begriff enorm hoch sind, aber ich habe wirklich ernsthafte Zweifel, dass es auch nur einen Menschen in den USA gibt, der ohne jemals in China gewesen zu sein, mit der einzigen Muttersprache Englisch, fließend Chinesisch gelernt haben soll.
Der Artikel behauptet, in China seien Listen auswendig zu lernen. Das ist schlichtweg falsch. Die Bücher enstsprechen vielleicht nicht durchweg dem aktuellsten Stand der Spracherwerbsforschung, weil es schon noch deutlich zu viele Einsetzübungen gibt, aber das ist ja nun wirklich längst nicht die einzige Aufgabenart. Auch die erwähnten “basic grammatical patterns” müssen ständig bis zum Umfallen wiederholt werden. Die Übungen, bei denen man mit solchen grammatischen Konstruktionen selbst Sätze bilden soll, sind in wirklich jeder Lektion zu finden.
Dass der Artikel argumentiert, doch Texte gleich ganz weg zu lassen und lieber die ganze Zeit nur zu quatschen, halte ich für eine bodenlose Frechheit.
Gerade im Chinesischen ist Text aufgrund der Schriftzeichen besonders wichtig. Es ist kaum möglich, sich die unzähligen gleichlautenden Silben und Wörter zu merken, ohne die Schriftzeichen zu kennen. Die Verbindung zwischen Schriftzeichen und Aussprache ist immer da und muss beachtet werden. Sprechen und Hören sind wichtig – aber eben nicht ausschließlich und ohne die Bearbeitung von Texten meiner Meinung nach auch gar nicht erfolgreich zu machen.
An einer Stelle gebe ich der Autorin aber sogar Recht. Die Textinhalte vieler Bücher sind extrem langweilig und man merkt ständig, wie einem darin mit Gewalt chinesische Kultur “beigebracht” werden soll. Diese Texte sind oftmals auf dem Stand der 90er-Jahre. Für China ist das Urzeit. Texte zu Jugendkultur, Internet oder Musik abseits der Peking-Oper gibt es einfach nicht. Stattdessen geht es um die traditionelle chinesische Hochzeit, die Konstruktion von Hutongs und immer wieder auftauchende Kurzgeschichten zu ganz besonders emotional aufwühlenden Storys über große und kleine Schicksalsschläge, bei denen sich dann natürlich immer überaus hilfsbereite Menschen finden, die alles dafür tun, damit es dem armen Wicht wieder besser geht. Die sich selbstlos aufopfern für andere. Die wirklich interessanten Dinge über die Schattenseiten der Gesellschaft, nein, die kann man nicht in den Lehrbüchern lesen. Alles wirkt sehr kitschig und lässt sich nur ertragen mit dem Hintergedanken, dass man nun zahlreiche neue Vokabeln lernen kann, die später wahnsinnig wichtig werden könnten.
Trotzdem bin ich überzeugt davon, dass man auch nicht nur den im Newsweek-Artikel geforderten “business content” und “other real-world conversation” vermitteln sollte. Auch die traditionellen Inhalte können früher oder später wichtig werden. Einige Dinge kommen einfach immer wieder und irgendwann wird man nunmal zwangsläufig gefragt, was man von der Peking-Oper hält und ob man weiß, welche unterschiedlichen Rollen es dabei gibt.
Am Ende ist eigentlich doch wieder fast alles irgendwie wichtig.



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