Archiv für die Kategorie 'rezensiert'

Die Lieder des Jahrzehnts und noch länger

Manche Songs haben ein Verfallsdatum. Manche aber nicht. Manche findet man schon beim ersten Mal hören bombig, wirft sie aber ein halbes Jahr später wieder aus dem IPod. Manche aber, ja die bleiben für immer drin. Man bringt es nicht mehr übers Herz, sie durch andere auszutauschen.

Notenschluessel Das Internet quillt über mit Blogs und deren Listen von Songs, die angeblich die Besten seien. Schaut man dann rein, sieht man schnell, dass diese immer nur schlechte Scherze sind und von grenzenloser Geschmacklosigkeit zeugen. Was wir nicht brauchen, sind Lieder die hier rein und da wieder rausgehen. Wir brauchen auch keine “kommerziellen Erfolge”, “Hits” oder “Radiokracher”. Nein, die Welt lechzt nach Musik für die Ewigkeit, Herrgott!

Ich will mich nun auch an das schwierige Thema einer Bestenliste heranwagen. Nach langwierigem Auswählen, Aussortieren, wieder Einsortieren, abermaligem Überlegen, Grübeln und Verwerfen aller vorherigen Vorschläge habe ich eine Liste der Top-Zehn-Lieder der letzten Jahre Null bis Neun zusammengefügt und werde diese nun hier offiziell der Menschheit übergeben. Aufgepasst!

Wow! Das sind sie also. Wahnsinn. Zehn Lieder nur. Und doch so überwältigend. Nun, wir müssen uns hier im Klaren sein, dass eine Band nur höchstens einmal in ihrem Leben einen Song dieser Klasse machen kann. Danach kann sie im Normalfall auch einpacken, weil sie dann eh alles erreicht hat. Nur The National haben’s tatsächlich gleich zweimal geschafft.

Und nach 2007 kam also dann nix mehr? – Nö. War nix. Neue Sachen brauchen aber ja auch noch ihre Zeit. Es geht hier um die Ewigkeit. Die Zukunft wird erst zeigen, ob auch diese Werke das nötige Potenzial haben, von mir auserwählt zu werden.

Der Suppenkaspar in Chinesisch

Dort habe ich eine Neuerwerbung gemacht: Den Struwwelpeter. Aber in Chinesisch!

Der Suppenkaspar, wir erinnern uns noch alle – ein tragische Geschichte um einen Jungen, der es tatsächlich wagt, seine Suppe nicht mehr essen zu wollen. Von Tag zu Tag magert er immer weiter ab. Sein trauriges Ende ist uns allen noch im Gedächtnis. Es ist sicher eine der größten Geschichten unserer Zeit. Eine mutige Kritik an unserer Gesellschaft und Spiegel der Probleme in der Dritten Welt.

suppe

Aber an dieser Stelle liegt mein Fokus vielmehr auf den linguistischen Feinheiten der chinesischen Version dieses Meisterwerks der Literaturgeschichte. Wie sind die Übersetzer an dieses Werk herangegangen? Wie konnten sie die Schwierigkeiten der Reimform des Stückes überwinden?

Das Original können alle, die den Text nicht mehr ganz auf der Zunge haben, beim Gutenberg-Projekt nochmal kurz in Erinnerung zurückrufen.

Und hier ist der Text in seiner chinesischen Übersetzung. Ich gehe ihn Schritt für Schritt durch.

卡斯帕尔年虽幼,
Kǎ sī pà ěr nián suī yòu,
圆圆滚滚像只球。
yuányuán gǔngǔn xiàng zhǐ qiú.
红红脸蛋胖又壮,
Hónghóng liǎndàn pàng yòu zhuàng,
只因大口爱喝汤。
zhǐyīn dàkǒu ài hē tāng.
忽然一天他嘟囊囊:
Hūrán yī tiān tā dū nāng nāng:
我呀再也不喝汤。
wǒ ya zàiyěbù hē tāng.

Aha, der Kaspar wird also schonmal phonetisch übersetzt. Aber im Vergleich zum Original sehen wir schon hier: Der Text ist irgendwie anders. Hier steht, der Kaspar sei trotz seines jugendlichen Alters schon kugelrund. Aber von seinem Alter ist in der ursprünglichen Version gar keine Rede!

In der dritten Zeile wird dann doch tatsächlich erklärt, warum er so kugelrund ist: Weil er seine Suppe so gerne isst. Aber das klingt im Original ganz anders. Dort “aß er die Suppe hübsch am Tisch”. Das könnte auch bedeuten, dass er schon zu diesem Zeitpunkt eher widerwillig seine Suppe täglich löffelte. In der Übersetzung isst er aber gerne Suppe. Es ist geradezu skandalös, wie hier ein Meisterwerk schon in der ersten Strophe verschandelt wurde.

Anschließend folgt, dass er 忽然, also plötzlich, seine Suppe nicht mehr essen wolle. Mit 囊囊 wird ein Reim auf 汤 erzeugt – Das ist nun wieder sehr kreativ und wirklich gut gelöst.

第二天啊看图上,
Dì-èr tiān a kàn tú shàng,
他已不再那么壮。
tā yǐ bùzài nàme zhuàng.
他还不停嘟囊囊:
Tā hái bùtíng dū nāng nāng:
我就不想喝那汤。
wǒ jiù bù xiǎng hē nà tāng.

壮 ist hier das Adjektiv, um den Bub zu beschreiben: stark, kräftig, robust. Das ist er am zweiten Tag nicht mehr. Ich muss neidlos zugeben, dass diese Stelle gut übersetzt wurde. Aber dann!

Im Original: “Ich esse keine Suppe! Nein! / Ich esse meine Suppe nicht! / Nein, meine Suppe eß ich nicht!” – Diese fabelhafte, ins Mark gehende, rhetorisch fabelhafte Wiederholung, die schon beinahe zu einem geflügelten Wort der deutschen Sprache geworden ist, wird mit einem flachen “Ich will diese Suppe nicht essen” übersetzt! Ein Frevel.

第三天啊不用说,
Dì-sān tiān a bùyòng shuō,
卡斯帕尔瘦又弱。
kǎ sī pà ěr shòu yòu ruò.
但是热汤端过来,
Dànshì rètāng duān guòlai,
他呀仍然把手晃:
tā ya réngrán bǎshou huǎng:
就是不想再喝汤。
jiùshì bù xiǎng zài hē tāng.

Am dritten Tag, so erfahren wir, ist er noch dünner geworden. Als die Suppe kommt, will er sie abermals nicht essen. Das ist hier und im Original gleich. Gut! Aber was ist dieses 他呀仍然把手晃? Das verstehe ich einfach nicht. 晃? “Blenden”? Das ergibt einfach keinen Sinn für mich.

第四天啊看这边,
Dì-sì tiān a kàn zhèbiān,
卡斯帕尔像根线。
kǎ sī pà ěr xiàng gēn xiàn.
体重只有一点点,
Tǐzhòng zhǐyǒu yīdiǎndiǎn,
第五天啊上西天。
dì-wǔ tiān a shàng xītiān.

Wir ahnen Schreckliches. Wohin führt diese Geschichte nur…? Im Original, wie auch in der Übersetzung: in den Tod. Immerhin. Am vierten Tag sieht der Kaspar nur noch wie ein Strich aus und wiegt im deutschen “ein halbes Lot”. Die Maßeinheit des Lotes gibt es im Chinesischen nicht und daher haben sich die Übersetzer eines einfachen 体重只有一点点 bedient: Körpergewicht nur noch ein kleines bisschen. Also das ist schon sehr übel und wird der lyrischen Qualität des Gesamtwerks nun nicht einmal ein kleines bisschen gerecht.

Am letzten Tag kommt eine interessante Redewendung: 上西天, sterben, aber wörtlich “in den westlichen Himmel aufsteigen”. War mir neu, passt aber hier wirklich sehr gut. Nicht nur, dass es auch “tot” bedeutet, sondern darüber hinaus ist der Suppenkaspar ja nunmal auch Westler – gewesen.

Ich bewerte diese Übersetzung mit drei von fünf Übersetzungssternen. Einige Stellen sind wirklich schlimm und hätten bei einem solchen Meisterwerk doch besser überdacht werden sollen. Aber die Reime sind gut getroffen und ich gebe einen Bonus, weil es ein Gedicht ist und dadurch recht schwierig: [***__]

Peggle Nights

Das vielleicht lustigste und vor allem suchtgefährdendste Spiel seit Jahren. Ich spiele ja wirklich-nicht mehr viel am Computer. Zwar versuche ich es hin und wieder mit dem ein oder anderen Spiel, aber ich halte es einfach nicht mehr lange aus. Manchmal vergeht mir schon nach zehn Minuten wieder die Lust. Vielleicht liegt es am Alter.

Mit Peggle Nights ist alles anders! Ich spiele so, dass meine zu schreibende Hausarbeit gerade enorm leidet.

Das Spielprinzip ist unerhört simpel. Man schießt eine Kugel von oben ab und diese prallt von den zahlreichen anderen Kugeln im Level mehr oder weniger physikalisch korrekt ab und fällt dann früher oder später unten wieder “heraus”. Nach einem Treffer verschwinden die angestoßenen Kugeln. Das obligatorische Youtube-Video zeigt dieses besser, als ich es jemals in Worten ausformulieren könnte:

Tja, und dabei sieht man, wie weit ein bloßes Zugucken entfernt sein kann vom realen Spielen. Das Video sieht so dermaßen langweilig aus, dass ich glaube damit wirklich niemanden von dem Spiel überzeugen zu können. Deshalb versuche ich weiter, es mit Worten in den Himmel zu loben. :)

Das Spielprinzip ist also ein bisschen so, wie man es vom altehrwürdigen Flipper-Automaten kennt. Nur besser!

Der Spaß bei dem Spiel kommt sowohl natürlich daher, dass man versucht mit möglichst geschickten Schüssen so viele rote Kugeln wie möglich zu treffen und natürlich auch eine große Punktzahl zu erreichen, aber auch daher, dass man sich jedes Mal wie der alte, bärtige Schneekönig freut, wenn man Glück hat und die Kugel zufällig richtig abprallt oder unten in den Zusatz-Ball-Korb fällt. Man tut zwar eigentlich nicht viel, denn man schießt ja nur immer den Ball ab, aber alles, was danach passiert ist wahnsinnig faszinierend.

Bei http://www.popcap.com/games/peggle-nights gibt es eine “Kostenlose Probe”. Viel Spaß.

Deutschland 09

Ein Film, der vielleicht interessanter ist für Datenschützer als für -sammler, interessanter für Linke als für Rechte, für Pessimisten als für Optimisten.

Ohne mich hier auch nur irgendeiner dieser Gruppen zuzuordnen, fand ich ihn gelungen – ganz im Gegensatz zu den meisten offiziellen Krtiken dazu (z.B. da oder dort).

“Deutschland 09″ ist ein Film, der sich auch 13 Kurzfilmen zusammensetzt. Diese haben untereinander nur gemeinsam, dass sie sich um Deutschland drehen. Leider hat Tom Tykwer dem Ganzen den Untertitel “13 kurze Filme zur Lage der Nation” gegeben, was meiner Meinung nach viel zu große Erwartungen entstehen lässt. Es dürfte klar sein, dass dieses Thema auch innerhalb einer Überlängenspielzeit von 150 Minuten nicht behandelt werden kann.

Ich kann den Kritiken zustimmen, dass es unter den 13 Filmen sowohl Gute als auch Schlechte und sogar einen sehr schlechten gibt. Die Guten schafften es aber bei mir in jedem Fall ein paar Fragen aufzuwerfen oder geradezu meditativ nachzudenken, ohne Antworten zu finden. Wie schon so oft formuliert es die Zeit zu den Kurzfilmen, die auch mir am besten gefallen haben, am passendsten, ohne den übertriebenen Hang zum Verriss des Verrisses wegen zu haben, weil dieser sich immer leichter schreibt, als eine ausgewogene Kritik:

Vielleicht liegt das Zentrum der Nation an der Peripherie, an den Rändern, den Niederschlägen des Politischen. Dominik Graf führt auf Super-8-Material die schicke Tristesse einer Republik vor, die ihre Vergangenheit abstreift wie eine peinliche Hülle, die überquillt von Emotional Design, ganz transparent und ganz tot. Anrührend ist Isabelle Stevers Besuch beim »Klassenrat« einer Münchner Grundschule; Silke Enders zeigt die neudeutsche Klassengesellschaft, und mit schneidender Präzision erfindet sie eine Realität, die es tatsächlich gibt. Auf der einen Seite die Deklassierten in der Suppenküche; auf der anderen Seite die reizbare Bionade-Bourgeoisie, die sich am Stadtrand breitmacht. Hier die Hartz-IV-Flegel, dort die nöligen Gören mit den kleckerfreien Laura-Ashley-Strickjacken, jene Sauberkinder mit weißem Krägelchen, die schon heute wissen, dass sie morgen Elite sind.

Hinreißend bizarr ist Romuald Karmakars Ramses, ein Film über einen gleichnamigen Exiliraner, der einer Stripteasebar vorsteht und die Schweinereien seiner honorigen Kundschaft Revue passieren lässt. Die Sex-Bar ist Karmakars kleine Großmetapher für eine pervers versachlichte Welt, deren letzte Leidenschaften in die Libido-Ökonomie zu fließen scheinen. Am Ende dankt Ramses dem »deutschen Volk« für die Gastfreundschaft und sehnt sich zurück nach Nordpersien, in das »Land der Väter«, wo er sterben möchte.

Der sehr schlechte Beitrag ist übrigens “Krankes Haus” von Wolfgang Becker. Das ist keine Satire, sondern das Gegenteil davon: Schrott.

Zur Schuld verdammt

Schon seit Jahren warte ich, dass die Dokumentation mit dem Namen “Zur Schuld verdammt” nochmal irgendwo im Fernsehen kommt. Nun endlich habe ich sie im Internet gefunden.

In der Dokumentation geht es um den Völkermord in Ruanda 1994. Das Ganze wird aus der Sicht des damaligen Oberkommandierenden der UN-Blauhelmtruppen, Brigadegeneral Roméo Dallaire, beschrieben und zeigt die Unfähigkeit der Vereinten Nationen zu dieser Zeit. Dieser Film hat mich schon beim erstmaligen Sehen sehr beeindruckt auch auch jetzt halte ich ihn für die bewegendste Dokumentation, die ich je gesehen habe.

Vielleicht interessiert sich ja jemand dafür:

Zur Schuld verdammt